Am Sayran-Reservoir in Almaty hat der Künstler Yerboshyn Meldibekov mit der Installation „Unity“ ein Werk geschaffen, das weit über eine klassische Skulptur hinausgeht. Ausgangspunkt ist ein reales Ereignis aus dem Jahr 2016, das sich tief in das kollektive Gedächtnis der Stadt eingeschrieben hat: Ein Hund geriet in das Reservoir und konnte die steilen, glatten Ufer nicht mehr überwinden. Als ein Helfer versuchte, das Tier zu retten, brachte er sich selbst in Gefahr. Erst durch das gemeinsame Handeln mehrerer Menschen, die sich zu einer Kette verbanden, konnten sowohl Mensch als auch Tier in Sicherheit gebracht werden.
Yerboshyn Meldibekov: Skulptur als Manifest kollektiver Verantwortung
Yerboshyn Meldibekov greift diesen Moment nicht illustrativ, sondern strukturell auf. Seine Skulptur übersetzt die Situation in einer räumlichen Choreografie aus Körpern, die sich entlang einer vertikalen Achse vom Ufer in Richtung Wasser bewegen. Die Figuren sind weder idealisiert noch heroisiert – vielmehr erscheinen sie als zerbrechliche, alltägliche Körper, die in ihrer Verbindung Stärke entwickeln. Entscheidend ist dabei nicht die einzelne Figur, sondern die Relation zwischen ihnen: Die Kette selbst wird zum eigentlichen Motiv.
Diese künstlerische Entscheidung steht exemplarisch für Meldibekovs Arbeit, die sich immer wieder mit Fragen von Geschichte, Macht und kollektiver Erinnerung auseinandersetzt. Statt narrativer Eindeutigkeit zu formulieren, öffnet „Unity“ einen Raum für Interpretation. Die Installation verweigert sich einer eindeutigen Lesart von Heldentum und lenkt den Blick auf die Bedingungen gemeinschaftlichen Handelns. In dieser Perspektive wird Hilfe nicht als außergewöhnliche Tat einzelner, sondern als mögliches Ergebnis sozialer Verbundenheit lesbar.
Auch der Ort selbst ist integraler Bestandteil des Werks. Das Sayran-Reservoir, dessen Teile Betonwände die ursprüngliche Gefahrensituation symbolisieren, beginnt als architektonischer Resonanzraum der Skulptur. Die physische Einbettung verstärkt die inhaltliche Dimension: Die Grenze zwischen realem Ereignis und künstlerischer Repräsentation beginnt zu verschwimmen. Besucherinnen und Besucher bewegen sich nicht vor, sondern innerhalb dieser Erzählung.
Kommentar zur Gegenwart
Ein zentrales Element der Installation ist die Interaktivität. Die letzte Figur der Kette streckt ihre Hand über das Gelände hinaus und ermöglicht es dem Publikum, physisch Teil der Arbeit zu werden. Dieser Gestus transformiert das Werk von einem beobachtbaren Objekt zu einem relationalen Erfahrungsraum. Der Akt des Berührens wird zur symbolischen Fortsetzung der Rettung – ein stilles, aber wirkungsvolles Angebot zur Teilhabe.
„Unity“ kann in diesem Sinne auch als Kommentar zur Gegenwart gelesen werden. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Fragmentierung und Distanz oft thematisiert werden, formuliert die Skulptur eine Gegenposition: Sie erinnert daran, dass Solidarität kein abstraktes Ideal ist, sondern im konkreten Handeln entsteht. Die Arbeit verzichtet auf Pathos, ohne eine Wirkung zu verlieren – im Gegenteil: Gerade ihre Zurückhaltung verleiht ihr Nachdruck.
So gelingt Meldibekov ein Werk, das sowohl als ästhetisches Objekt als auch als soziales Statement funktioniert. „Unity“ steht exemplarisch für eine Kunst, die nicht nur darstellt, sondern auch Beziehungen stiftet – zwischen Menschen, zwischen Geschichte und Gegenwart und nicht zuletzt zwischen Betrachter und Werk selbst.
Fotos und Videos der Skulptur
Aufnahmen der Enthüllung der Skulptur finden Sie auf dem Instagramkanal von Kasachstans erster international anerkannter und führenden Nachrichtenagentur.
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Biografie und künstlerisches Profil
Yerboshyn Meldibekov (*Kasachstan) gehört zu den bedeutenden Stimmen der zeitgenössischen Kunstszene Zentralasiens. Sein Werk bewegt sich an der Schnittstelle von Skulptur, Installation und konzeptueller Kunst. Internationale Aufmerksamkeit erhielt er vor allem durch Arbeiten, die sich mit kollektiver Erinnerung, historischen Narrativen und gesellschaftlichen Spannungsfeldern auseinandersetzen.
Meldibekov arbeitet in Kasachstan und ist eng mit der dortigen Kunstszene verbunden, ist jedoch auch international in Ausstellungen und Sammlungen vertreten. Seine künstlerische Praxis ist stark geprägt von einer Auseinandersetzung mit politischen und sozialen Umbrüchen sowie der Frage, wie Geschichte im öffentlichen Raum sichtbar gemacht wird. Dabei nutzt er häufig figurative Elemente, die er in installativen und raumbezogenen Kontexten überführt.
Ein zentrales Merkmal seines Schaffens ist die bewusste Reduktion auf grundlegende menschliche Gesten und Konstellationen. Statt individueller Heroisierung stehen bei ihm kollektive Prozesse im Vordergrund – ein Ansatz, der sich auch in der Skulptur „Unity“ klar widerspiegelt. Hier wird das Motiv der Verbindung und gegenseitigen Unterstützung zur künstlerischen Struktur selbst sein.
Durch die Verbindung von konzeptueller Tiefe und klarer visueller Sprache gelingt es Meldibekov, Themen von universeller Relevanz zu handeln. Seine Arbeit lädt dazu ein, gesellschaftliche Prozesse nicht nur zu betrachten, sondern aktiv zu reflektieren. „Unity“ ist dabei ein exemplarisches Werk, das seine künstlerische Haltung in verdichteter Form sichtbar macht.
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