Mit seinen Fotografien richtet Axel Beyer den Blick auf urbane Räume, die oft übersehen werden – Zwischenzonen, Brüche, Übergänge. In der Ausstellung Trasferta im Hamburger Offspace nachtspeicher23 tritt seine Arbeit in einen spannungsvollen Dialog mit den fragmentarischen Collagen von Paolo Moretto.
Axel Beyer im Interview – Stadt sehen, bevor sie verschwindet
Axel Beyers Fotografien sind geprägt von Klarheit und Reduktion. Inmitten des visuellen Chaos der Stadt sucht er nach präzisen Kompositionen – nach Momenten, in denen sich Struktur, Fläche und Licht zu einem „bildnerischen Klima“ verdichten. Dabei bewegt sich seine Praxis bewusst zwischen dokumentarischer Genauigkeit und künstlerischer Interpretation.
Ein zentrales Thema seiner Arbeit ist der urbane Wandel: Abriss, Neubau und temporäre Zustände erzeugen Bilder, die oft schon im Moment ihrer Entstehung zu Dokumenten der Vergangenheit werden. Serien und Diptychen erweitern diese Perspektive – sie öffnen neue Assoziationsräume und verdichten einzelne Beobachtungen zu komplexeren Erzählungen.
Für Trasferta richtet Beyer seinen Blick auf den Hamburger Stadtteil St. Georg – und schafft damit eine direkte Verbindung zwischen Ausstellungsraum und Stadtraum.
Bis zum 27.03.2026 werden ausgewählte Arbeiten im Rahmen der TRASFERTA Ausstellung im Hamburger Nachtspeicher23 gezeigt. Mehr über die Ausstellung finden Sie hier!
Über den Künstler Axel Bayer
Der in Lüneburg geborene Fotograf Axel Bayer zählt zu den prägnanten Stimmen der deutschen Autorenfotografie, wenn es um das Spannungsfeld zwischen dokumentarischer Genauigkeit und poetischer Verdichtung geht. Seit seinem Studium des Kommunikationsdesigns an der Fachhochschule Hamburg, wo er sich früh intensiv der Fotografie zuwandte, entwickelt Bayer eine Bildsprache, die urbane Räume, gesellschaftliche Bruchstellen und stille Absurditäten gleichermaßen sichtbar macht.
Bekannt wurde er insbesondere durch sein Langzeitprojekt „Bebra Curiosa“, das nicht nur 2010 beim Dummy Award ausgezeichnet wurde, sondern sich auch in Ausstellungen, Publikationen und internationalen Präsentationen etablierte. Seine Arbeiten bewegen sich dabei stets zwischen Konzept und Beobachtung – mal als präzise Serie, mal als installative Rauminszenierung, wie etwa im Museum der Arbeit.
Mit Ausstellungen im In- und Ausland, darunter die Deichtorhallen Hamburg, sowie der Auszeichnung mit dem Georg Koppmann Preis im Jahr 2019, hat Bayer seine Position in der zeitgenössischen Fotografie kontinuierlich gefestigt. Im Gespräch mit ARTTRADO gibt er Einblicke in seine künstlerische Entwicklung.
Gespräch mit Axel Beyer
Wie würden Sie Ihre fotografische Handschrift beschreiben?
Ich mag aufgeräumte Bilder. Im allgemeinen optischen Chaos der Stadt bemühe ich mich, klare Kompositionen zu finden.
Wann beginnt für Sie Fotografie – im Moment des Sehens oder erst beim Auslösen?
Auf jeden Fall im Moment des Sehens. Erfahrung und Intuition lassen mich Situationen erkennen, in denen ich durch „Verdichtung“ Bilder erzeugen kann. Der Auslöser ist dann nur noch der mechanische Akt.
Ihre Bilder zeigen oft Details, die leicht übersehen werden. Wie entwickeln Sie dieses Gespür?
Das kommt durch Erfahrung und ständiges Unterwegssein. Man ist permanent auf Empfang und gleicht die eigene Vorstellung von guten Bildern mit der Realität ab.
Warum haben Sie sich für den Stadtteil St. Georg entschieden?
Ich finde es spannend, in einem Raum Dinge zu zeigen, die direkt mit dem Umfeld der Galerie korrespondieren. Besucher erkennen das oft und sind dann inspiriert, genauer hinzuschauen.
Wie hat die Zusammenarbeit mit Paolo Moretto Ihre Arbeit beeinflusst?
Paolo hat mich eingeladen, weil er trotz unterschiedlicher Praxis eine gewisse Wesensverwandtschaft gesehen hat. Beim Hängen der Arbeiten haben sich tatsächlich verblüffende Parallelitäten gezeigt. Der Kontext seiner Bilder hat teilweise auch meine Sicht auf meine eigenen Motive verändert.
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Warum arbeiten Sie häufig mit Diptychen oder Serien?
In der Kombination wachsen die Bilder über sich hinaus und öffnen neue Assoziationen. Im besten Fall entsteht dabei so etwas wie ein „drittes Bild“.
Wann ist ein Bild oder eine Serie für Sie fertig?
Nach einer Fototour bin ich immer gespannt auf die Sichtung am großen Monitor. Dann folgt Auswahl und Nachbearbeitung. Bei Serien kann es lange dauern – sie entstehen oft über einen längeren Zeitraum und erfordern Geduld und Ausdauer.
Arbeiten Sie eher intuitiv oder geplant?
Eindeutig intuitiv – aus dem Moment heraus.
Wie bewegen Sie sich zwischen Dokumentation und Interpretation?
Ich bemühe mich um eine dokumentarische Sehweise – mit normalen Brennweiten, möglichst ohne Verzerrung und bei diffusem Licht. Aber durch die Auswahl des Ausschnitts bleibt jedes Bild letztlich eine persönliche Interpretation.
Was interessiert Sie besonders im Stadtraum?
Weniger einzelne Gebäude, sondern das Gefüge von Flächen und Formen – idealerweise wie ein Bühnenbild. Wichtig ist ein bestimmtes „bildnerisches Klima“, mit möglichst neutralem Licht.
Welche Themen stehen im Zentrum Ihrer Arbeit?
Vor allem die Stadt im Umbruch. Wenn Gebäude verschwinden, entstehen neue Blickachsen – und Bilder, die schnell zu Dokumenten der Vergangenheit werden.
Welche Rolle spielt der Betrachter?
Das hängt vom Interesse ab. Im besten Fall wird er dazu angeregt, genauer hinzusehen.
Warum arbeiten Sie gerne in Offspaces wie dem nachtspeicher23?
Ich habe dort oft mit starkem Ortsbezug gearbeitet. Das stößt auf Interesse, weil der Lebensraum der Besucher mit verhandelt wird. Außerdem schätze ich den direkten Austausch.
Welche Einflüsse prägen Ihre Arbeit?
In den 80ern waren es die „New Topographics“, vor allem amerikanische Fotografen wie Stephen Shore oder Joel Meyerowitz. In Deutschland etwa Michael Schmidt oder Wilhelm Schürmann. Heute kommt viel Inspiration aus dem Internet – verbunden fühle ich mich zum Beispiel mit Peter Bialobrzeski.
Können stille Fotografien heute noch gesellschaftliche Fragen aufwerfen?
Gerade heute. In Zeiten der Reizüberflutung stoßen ruhige, präzise Bilder auf große Resonanz. Für mich ist Ästhetik die Voraussetzung für einen intensiven Eindruck. Die einfache Aussage „so sieht es aus“ kann sehr stark sein.
Wie behaupten sich Ihre Arbeiten im Zeitalter von Instagram?
Das großformatige Bild im Ausstellungsraum hat für mich eine ganz andere Wirkung als das schnelle Scrollen auf dem Smartphone.
Wie gehen Sie mit urbaner Dynamik und Veränderung um?
Das ist ein fortlaufender Prozess. Mein Projekt „Temporäre Einsichten“ beschäftigt sich genau damit – mit der Dokumentation städtischer Veränderung.
Weitere Informationen
Mehr über den Künstler auf seiner Webseite! – https://www.axelbeyer.de/about
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