Ei Arakawa-Nash verwandelt den japanischen Pavillon mit „Grass Babies, Moon Babies“ in einen Ort zwischen Elternschaft, Diaspora und historischer Verantwortung. Besucher tragen eine von 200 Babypuppen durch die Ausstellung – und damit symbolisch eine Zukunft, die mit den ungelösten Konflikten der Vergangenheit leben muss.
Die Last der Geschichte: Japans Pavillon auf der Biennale 2026
Es gibt Ausstellungen, die das Publikum vor ein Kunstwerk stellen. Und es gibt Ausstellungen, die ihm zunächst etwas in die Arme legen. Im japanischen Pavillon der Biennale Venedig 2026 ist es eine Babypuppe. Besucherinnen und Besucher können eine von insgesamt 200 Puppen aufnehmen und mit ihr durch die Ausstellung gehen. Was zunächst beinahe spielerisch wirkt, wird bei Ei Arakawa-Nash zu einer Frage nach Fürsorge, Geschichte und Verantwortung.
Die Puppen sind keine bloße Dekoration. Sie stehen für eine Generation, die in eine Welt hineingeboren wird, deren Kriege, Ungleichheiten und politischen Konflikte sie nicht verursacht hat. Während das Publikum die Figuren durch den Pavillon trägt, verschiebt sich deshalb auch seine Rolle: Aus Betrachtenden werden für einen Moment Menschen, die Verantwortung übernehmen sollen.
„Grass Babies, Moon Babies“ heißt der japanische Beitrag zur 61. Internationalen Kunstausstellung. Kuratiert wird er von Lisa Horikawa und Mizuki Takahashi. Die Ausstellung ist vom 9. Mai bis zum 22. November 2026 im japanischen Pavillon in den Giardini zu sehen. Verantwortlich für die Präsentation ist die Japan Foundation.
200 Puppen und eine ungewöhnliche Aufgabe
Der Rundgang beginnt im offenen Bereich unterhalb des Pavillons. Von dort bewegen sich die Besucher mit den Puppen durch den Garten und weiter in das Gebäude. Eine Soundarbeit mit den Stimmen und Lauten von Arakawa-Nashs eigenen Zwillingen begleitet den Weg.
Auf Bildschirmen erscheinen historische und zeitgenössische Filme. Um diese versammeln sich weitere Puppen, die ebenfalls wie Betrachtende wirken. So entsteht ein ebenso einfaches wie starkes Bild: Die kommende Generation schaut auf eine Geschichte, die von anderen geschrieben wurde.
Nahe dem Ausgang folgt eine Handlung, die auf einer Kunstbiennale zunächst befremdlich wirken kann. Die Besucher werden eingeladen, die Windel ihrer Puppe zu wechseln. Über einen QR-Code erhalten sie anschließend ein Gedicht, das auf den jeweiligen „Geburtstag“ der Figur zugeschnitten ist.
Diese Geburtstage sind nicht zufällig gewählt. Sie beziehen sich überwiegend auf Ereignisse aus den miteinander verflochtenen Geschichten Japans, der USA und Asiens im 20. Jahrhundert. Nach Angaben des Pavillons geht es dabei unter anderem um Krieg, Emanzipation, Migration sowie um die Kämpfe und Errungenschaften von Minderheiten und queeren Gemeinschaften.
Fürsorge wird zur öffentlichen Aufgabe
Ausgangspunkt der Ausstellung ist Arakawa-Nashs eigene Erfahrung als queeres Elternteil. Arakawa-Nash wurde 1977 in Fukushima geboren, lebt in Los Angeles und wurde 2024 gemeinsam mit dem Partner Forrest Elternteil von Zwillingen.
„Grass Babies, Moon Babies“ ist die erste große performative Installation Arakawa-Nashs, die Fürsorge ausdrücklich als kollektive Praxis behandelt. Elternschaft erscheint darin nicht als abgeschlossene Privatangelegenheit. Vielmehr stellt der Pavillon die Frage, welche Verantwortung eine Gesellschaft gegenüber Kindern trägt und ob diese Verantwortung tatsächlich allein bei den Eltern liegen darf.
Damit berührt die Ausstellung einen politischen Punkt. Care-Arbeit wird häufig erst wahrgenommen, wenn sie fehlt. Kinderbetreuung, Pflege und familiäre Organisation gelten als selbstverständlich, obwohl sie Zeit, Aufmerksamkeit und körperliche Arbeit erfordern. Arakawa-Nash bringt diese meist unsichtbare Tätigkeit ausgerechnet in den repräsentativen Raum eines nationalen Biennale-Pavillons.
Die Windel wird so zum politischen Gegenstand. Sie besitzt keinen Marktwert und verspricht keine heroische Geste. Sie steht für eine Arbeit, die notwendig ist, damit andere Menschen leben, wachsen und sich entwickeln können.
Welche Geschichte erben Kinder?
Die Kuratorinnen Lisa Horikawa und Mizuki Takahashi formulieren den politischen Hintergrund ausgesprochen deutlich. Ihre Überlegungen beginnen nicht bei einer romantischen Vorstellung von Kindheit, sondern bei einer Gegenwart, in der Kinder trotz Kriegen und Terror geboren und durch Drohnen, Raketen und andere Formen der Gewalt getötet werden.
Das Baby ist in „Grass Babies, Moon Babies“ deshalb kein ungebrochenes Symbol der Hoffnung. Das Kind mag unschuldig sein – die Welt, in die es geboren wird, ist es nicht.
Arakawa-Nash verbindet die individuellen Geburtstage der Puppen mit historischen Daten. Ein Ereignis, das normalerweise als abstrakte Jahreszahl erscheint, erhält dadurch einen Körper und eine imaginierte Biografie. Die Vergangenheit wird nicht abgeschlossen präsentiert, sondern als etwas, das bis in das Leben späterer Generationen hineinwirkt.
Die zentrale Frage des Pavillons lautet folgerichtig nicht nur, wie neues Leben gefeiert werden kann. Sie lautet auch, ob die Erwachsenen bereit sind, die noch ausstehende Arbeit der Aufarbeitung und Wiedergutmachung zu übernehmen.
Wer darf Japan repräsentieren?
Der Beitrag berührt damit zwangsläufig die Frage, was ein nationaler Pavillon heute überhaupt repräsentieren kann. Soll er eine möglichst eindeutige kulturelle Visitenkarte eines Landes abgeben – oder gerade zeigen, wie widersprüchlich nationale Identität geworden ist?
Arakawa-Nashs Biografie lässt sich nicht auf eine einfache Zuordnung reduzieren. Die Perspektive ist japanisch und amerikanisch, queer und diasporisch zugleich. Auch die Ausstellung ist keine isolierte Einzelposition: In das Projekt fließen Arbeiten zahlreicher weiterer Kunstschaffender und kollaborativer Gruppen ein.
Diese Beiträge sollen feststehende Vorstellungen davon irritieren, was als „japanisch“ gilt. Japan erscheint nicht als kulturell abgeschlossener Raum, sondern als ein Geflecht aus Migration, familiären Erfahrungen, politischen Verbindungen und historischen Konflikten.
Damit führt der Pavillon eine Debatte fort, die ARTTRADO bereits bei anderen Länderbeiträgen der Biennale beschäftigt hat: Nationale Pavillons geben vor, ein Land zu vertreten, zeigen in Wirklichkeit aber häufig, wie umkämpft jede Vorstellung nationaler Identität ist. Besonders sichtbar wurde das etwa beim US-Pavillon und seinem Verzicht auf politische Eindeutigkeit sowie in der Debatte über Kunstfreiheit, Russland, Israel und den Einfluss der Politik.
Ein Jubiläum ohne Leistungsschau
2026 jährt sich die Fertigstellung des japanischen Pavillons zum 70. Mal. Das von Yoshizaka Takamasa entworfene Gebäude wurde 1956 eröffnet und gehört zu den permanenten Länderpavillons in den Giardini.
Arakawa-Nash nutzt dieses Jubiläum nicht für eine klassische Rückschau. Stattdessen wird ein Gebäude voller Geschichte mit Figuren bevölkert, die für die Zukunft stehen. Die Vergangenheit befindet sich im Raum, während die nächste Generation von den Besuchern auf dem Arm getragen wird.
Eine wichtige Referenz ist Yoshizakas Konzept „DISCONT“, kurz für „discontinuous unity“. Gemeint ist eine Einheit, die nicht auf Gleichförmigkeit beruht: Einzelne Elemente können unabhängig und dennoch miteinander verbunden sein. Arakawa-Nash überträgt diesen Gedanken auf Menschen, Familien und diasporische Identitäten.
Auch der Ausstellungstitel ist konkreter, als es zunächst scheint. „Grass Babies, Moon Babies“ verweist einerseits auf das Sōgetsu Art Center, das Arakawa-Nash während der Studienzeit prägte. Zugleich steht das Gras für den Garten des Pavillons, während der Mond mit Zeit und unterschiedlichen inneren Zuständen verbunden wird.
Beteiligung oder Biennale-Gimmick?
So zugänglich das Konzept erscheint, so berechtigt ist eine kritische Frage: Reicht es aus, eine Puppe zu tragen und ihre Windel zu wechseln, um Fürsorge und historische Verantwortung erfahrbar zu machen?
Partizipative Kunst besitzt immer ein Risiko. Eine Handlung kann intensive Auseinandersetzung ermöglichen, aber ebenso zu einer Aufgabe werden, die Besucher lediglich absolvieren. Gerade die 200 Babypuppen sind ein starkes und leicht fotografierbares Motiv. In der Bildökonomie einer Großveranstaltung könnten sie deshalb auch zum Social-Media-Requisit werden.
Ähnliches gilt für das abschließende QR-Ritual. Das individuell zugeschnittene Gedicht kann historische Daten auf überraschende Weise zugänglich machen. Es kann aber auch wie eine digitale Belohnung wirken, die nach erfolgreich absolviertem Rundgang ausgegeben wird.
Ob „Grass Babies, Moon Babies“ seine politischen und historischen Ebenen tatsächlich entfaltet, hängt daher wesentlich davon ab, ob das Publikum über die spielerische Oberfläche hinausgeht. Die Stärke des Konzepts liegt in seiner unmittelbaren Verständlichkeit. Darin liegt zugleich seine mögliche Schwäche.
Eine Verbindung nach Hannover
Für Leserinnen und Leser aus Hannover besitzt der japanische Beitrag noch eine besondere Verbindung. Auf der offiziellen Projektseite wird die Kestner Gesellschaft neben dem J. Paul Getty Museum in Los Angeles und dem Noguchi Museum in New York als Museumspartner genannt.
Damit reicht das Netzwerk des Pavillons bis nach Niedersachsen. Wie genau sich diese institutionelle Zusammenarbeit entwickelt und welche Spuren das Projekt möglicherweise über Venedig hinaus hinterlässt, könnte für die weitere Berichterstattung noch interessant werden.
Japan und die „leisen Töne“ der Biennale
„Grass Babies, Moon Babies“ passt ausgesprochen gut zum Leitmotiv „In Minor Keys“. Die von Koyo Kouoh entwickelte Biennale richtet den Blick auf Stimmen, Geschichten und Erfahrungen, die in großen politischen Erzählungen häufig überhört werden.
Arakawa-Nash erzählt Geschichte aus der Perspektive der Fürsorge, einer queeren Familie und der Diaspora. Das sind keine nationalen Heldengeschichten. Sie setzen im Privaten an, ohne dort stehen zu bleiben.
Mehr über das kuratorische Konzept lesen Sie in unserem Überblick „Die Biennale 2026 – Zwischen leisen Tönen und globaler Neuordnung“. Mit der besonderen Situation nach Koyo Kouohs Tod beschäftigt sich außerdem unser Beitrag „Biennale di Venezia 2026: Kuratieren nach dem Tod“.
Fazit: Die Zukunft schaut zurück
Der japanische Pavillon präsentiert 2026 keine eindeutige nationale Selbstdarstellung. Stattdessen verbindet Ei Arakawa-Nash eine persönliche Erfahrung mit Fragen, die weit über die eigene Familie hinausgehen: Wer übernimmt Fürsorge? Welche Geschichte wird weitergegeben? Und wer trägt Verantwortung für die Bedingungen, unter denen die nächste Generation leben muss?
Die 200 Puppen bilden dafür ein starkes, wenn auch nicht widerspruchsfreies Motiv. Sie können zum Gegenüber, zum historischen Stellvertreter oder lediglich zum auffälligen Ausstellungsobjekt werden. Gerade diese Ambivalenz macht den Beitrag interessant.
Auf Grundlage der veröffentlichten Konzeption gehört „Grass Babies, Moon Babies“ jedenfalls zu den ungewöhnlichsten Länderbeiträgen der Biennale 2026. Der Pavillon verspricht keine einfache Hoffnungserzählung. Er erinnert daran, dass jede neue Generation eine Zukunft erbt, die bereits von der Vergangenheit geprägt wurde.
Das Publikum trägt diese Zukunft für einen Moment auf dem Arm. Entscheidend ist, ob es sie anschließend auch im Kopf behält.
Japan-Pavillon 2026: Die wichtigsten Fakten
Land: Japan
Künstlerische Position: Ei Arakawa-Nash
Titel: „Grass Babies, Moon Babies“
Kuratorinnen: Lisa Horikawa und Mizuki Takahashi
Verantwortlich: The Japan Foundation
Ort: Japanischer Pavillon, Giardini, Venedig
Laufzeit: 9. Mai bis 22. November 2026
Besonderheit: Der japanische Pavillon feiert 2026 den 70. Jahrestag seiner Fertigstellung.
FAQ zum japanischen Pavillon 2026
Wer vertritt Japan auf der Biennale Venedig 2026?
Japan wird durch Ei Arakawa-Nash vertreten. Kuratiert wird „Grass Babies, Moon Babies“ von Lisa Horikawa und Mizuki Takahashi.
Warum gehören 200 Babypuppen zur Ausstellung?
Die Puppen symbolisieren eine kommende Generation. Besucher können eine Figur durch den Pavillon tragen und werden dadurch in die Inszenierung von Fürsorge und Verantwortung einbezogen.
Was passiert im japanischen Pavillon?
Der Rundgang verbindet Babypuppen, eine Soundarbeit, historische und zeitgenössische Filme sowie ein QR-Code-Ritual. Am Ende können Besucher ein auf den „Geburtstag“ ihrer Puppe abgestimmtes Gedicht erhalten.
Welche Themen behandelt „Grass Babies, Moon Babies“?
Im Mittelpunkt stehen Elternschaft, Care-Arbeit, queere und diasporische Identität sowie die historischen Verbindungen zwischen Japan, den USA und Asien.
Wo befindet sich der japanische Pavillon?
Das von Yoshizaka Takamasa entworfene Gebäude befindet sich in den Giardini, einem der beiden zentralen Ausstellungsbereiche der Biennale Venedig.
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Weitere Informationen
Titelbild: Ei Arakawa-Nash, „Grass Babies, Moon Babies“, japanischer Pavillon auf der Biennale Venedig 2026.
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