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Handwerk und Gemeinschaft
Italien auf der Biennale Venedig 2026: Chiara Camoni und die Kunst des Gemeinsamen

Italien auf der Biennale Venedig 2026: Chiara Camoni und die Kunst des Gemeinsamen - Handwerk und Gemeinschaft - der italienische Pavillion: Kunst entdecken auf ARTTRADO Plattform für Kunst und Kultur.

Italien auf der Biennale Venedig 2026: Chiara Camoni und die Kunst des Gemeinsamen Mit „Con te con tutto“ schickt Italien
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Im italienischen Pavillon der Biennale Venedig 2026 setzt Chiara Camoni auf Keramik, Natur, Handarbeit und kollektive Prozesse statt auf monumentale Gesten. „Con te con tutto“ wird so zu einem der stilleren, aber zugleich programmatischsten Beiträge von „In Minor Keys“.

Italien auf der Biennale Venedig 2026: Chiara Camoni und die Kunst des Gemeinsamen

Mit „Con te con tutto“ schickt Italien 2026 eine Künstlerin nach Venedig, deren Arbeit sich dem Spektakel verweigert. Chiara Camoni setzt im Arsenale auf Keramik, Natur, Handarbeit, Erinnerung und Gemeinschaft. Das Ergebnis ist ein Pavillon, der leise wirkt und gerade deshalb viel über die Biennale 2026 erzählt.

Venedig ist während der Biennale voller Kunst, Menschen und Bilder. Wer sich durch die 61. Internationale Kunstausstellung bewegt, begegnet politischen Statements, technologischen Zukunftsentwürfen, monumentalen Installationen und einer kaum zu bewältigenden Menge visueller Reize.

ARTTRADO hat diese Spannweite bereits an sehr unterschiedlichen nationalen Beiträgen verfolgt: Der dänische Pavillon verbindet Pornografie, Reproduktionsmedizin und Zukunftsforschung, China bringt kulturelle Tradition mit Technologie und digitaler Bildproduktion zusammen, während Florentina Holzingers österreichischer Pavillon den Körper selbst zum Material einer radikalen Dauerperformance macht.

Und dann betritt man den italienischen Pavillon.

Plötzlich wird es ruhiger.

Im Halbdunkel stehen menschliche Figuren. Lebensgroß, aus Keramik, mit Pflanzen, Blumen, Fundstücken, Plastik und anderen Materialien durchsetzt. Sie wirken vertraut und fremd zugleich, archaisch und gegenwärtig. Manche erinnern an Schutzfiguren, andere an religiöse Skulpturen oder archäologische Funde. Es ist keine Welt, die den Besucher mit einer spektakulären Geste empfängt. Sie verlangt zunächst nur, dass man stehen bleibt und hinsieht.

„Con te con tutto“ – „Mit dir, mit allem“ lautet der Titel des italienischen Beitrags zur 61. Biennale Arte. Die Künstlerin ist Chiara Camoni, kuratiert wird der Pavillon von Cecilia Canziani. Zu sehen ist die Ausstellung in den Tese delle Vergini im Arsenale.

Die Biennale beschreibt Camonis Ansatz als eine „chorale“ Arbeitsweise, in der unterschiedliche Stimmen, Materialien und Formen miteinander verbunden werden.

Genau dieses Prinzip ist entscheidend, wenn man verstehen will, warum der italienische Pavillon 2026 bemerkenswert ist.

Italien verzichtet auf den großen Auftritt

Der italienische Pavillon hätte allen Grund für Pathos. Italien ist Gastgeberland der Biennale, und sein nationaler Beitrag gehört traditionell zu den besonders aufmerksam beobachteten Positionen. Statt daraus eine Demonstration nationaler Größe zu machen, entscheidet sich Camoni für beinahe das Gegenteil: Nähe, Materialität und menschlichen Maßstab.

Die Ausstellung verteilt sich auf zwei große Hallen. In der ersten begegnet das Publikum 24 lebensgroßen Skulpturen. Pflanzen, Blumen, Kunststoffreste und andere Materialien werden Bestandteil ihrer Körper. Die gedämpfte Atmosphäre verleiht ihnen etwas beinahe Sakrales.

In der zweiten Halle verändert sich die Situation. Tageslicht fällt ein, Möbel und Oberflächen strukturieren den Raum. Arbeiten aus dem Bereich „Dialogues“ erscheinen zwischen Schränken, Tischen und anderen Elementen. Statt eines klassischen White Cube entsteht ein Ort, an dem gelebt, gearbeitet, gesammelt und gesprochen werden könnte.

Diese Zurückhaltung steht in auffälligem Kontrast zu einem Kunstbetrieb, der zunehmend um Aufmerksamkeit konkurriert.

Camoni macht das Gegenteil.

Sie verlangsamt.

Damit steht Italien allerdings nicht völlig allein. ARTTRADO hat bereits beim Litauischen Pavillon und beim Nordischen Pavillon beobachtet, wie stark einige der überzeugendsten Beiträge dieser Biennale gerade mit Atmosphäre, Mythologie, Körperlichkeit und Wahrnehmung arbeiten, statt ihre Botschaft möglichst laut in den Raum zu stellen.

Wer ist Chiara Camoni?

Chiara Camoni, Jahrgang 1974, gehört zu einer Generation italienischer Künstlerinnen, deren Arbeiten sich nur schwer in klassische Kategorien von Skulptur, Kunsthandwerk oder Installation einordnen lassen. Ihre Praxis verbindet Keramik, Textilien, Pflanzen, Fundstücke und alltägliche Materialien.

Dabei interessiert sie weniger die perfekte Oberfläche als die Spur des Herstellens.

Das Handgemachte ist bei Camoni kein dekoratives Detail. Es ist Teil der Aussage. Ihre Skulpturen dürfen nach Erde aussehen, Unebenheiten besitzen und den Prozess ihrer Entstehung sichtbar lassen. Sie wirken nicht wie Produkte, deren Herstellung möglichst unsichtbar bleiben soll.

Das passt bemerkenswert gut zur Grundidee der diesjährigen Biennale.

Denn auch Koyo Kouohs Hauptausstellung „In Minor Keys“ sucht nach Formen des Sehens und Erzählens, die nicht von Lautstärke und Monumentalität abhängig sind. ARTTRADO hat bereits vor der Eröffnung ausführlich untersucht, wie die Biennale 2026 zwischen leisen Tönen und globaler Neuordnung angelegt wurde.

Der italienische Pavillon wirkt vor diesem Hintergrund nicht wie eine isolierte nationale Position. Er erscheint fast wie eine besonders konsequente räumliche Übersetzung dieser kuratorischen Grundhaltung.

„Mit dir, mit allem“: ein Titel als Programm

Schon der Titel „Con te con tutto“ ist ungewöhnlich persönlich. Nicht „Italy“. Kein „Future“. Nicht „Tradition“. Kein großes geopolitisches Schlagwort. Sondern: Mit dir, mit allem.

Das entscheidende Wort ist das „mit“.

Camonis Ausstellung denkt Kunst nicht als isolierte Leistung eines einzelnen Genies, sondern als etwas, das aus Beziehungen entsteht: zwischen Menschen und Materialien, Natur und Kultur, Vergangenheit und Gegenwart, Künstlerin und anderen Beteiligten.

Die italienische Generaldirektion für zeitgenössische Kreativität beschreibt das Projekt entsprechend als Einladung zu einer anderen Form des Zusammenlebens, geprägt von Begegnung, Teilen, Staunen, Wahrnehmung und Zeit.

Im Pavillon bleibt diese Idee jedoch keine theoretische Behauptung. Sie steckt in den Materialien und in der Art, wie die Werke zueinander angeordnet sind.

Die Skulpturen wirken wie Wesen aus einer anderen Zeit

Die 24 lebensgroßen Figuren gehören zu den stärksten Bildern der Ausstellung.

Sie besitzen menschliche Dimensionen, sind aber keine klassischen Porträts. Vielmehr erscheinen sie wie Wesen irgendwo zwischen Skulptur, Ritualobjekt und Erinnerungsträger. Ihre Oberflächen tragen Spuren der Handarbeit, Pflanzen und andere Materialien werden Teil der Körper.

Dadurch wirken die Figuren nicht vollkommen abgeschlossen. Sie scheinen ihre Umgebung aufzunehmen.

Genau darin liegt ein zentraler Gedanke von Camonis Arbeit: Der Körper existiert nicht als isoliertes Objekt, sondern in Beziehung zu seiner Umwelt.

Natur ist hier deshalb nicht bloß Motiv.

Sie wird Material.

Diese Verbindung von Körper, Natur und einer beinahe animistischen Wahrnehmung besitzt interessante Parallelen zu anderen Beiträgen der Biennale. Im von ARTTRADO bereits vorgestellten litauischen Pavillon „animism sings anarchy“ von Eglė Budvytytė treffen ebenfalls Körper, Mythologie, Erinnerung und die Beziehung zwischen Mensch und Natur aufeinander. Der Nordische Pavillon wiederum entwickelt aus Skulptur, Folklore und Transformation eine eigene traumartige Welt.

Damit zeichnet sich innerhalb der Biennale 2026 eine interessante Gegenbewegung ab: Neben Technologie, geopolitischen Konflikten und institutionellen Debatten kehren Natur, Mythos, Ritual und Material mit erstaunlicher Kraft in die Gegenwartskunst zurück.

Archäologie ohne Museum

Camonis Skulpturen erinnern teilweise an archäologische Funde. Die Assoziation liegt nahe. Italiens Kunstgeschichte ist voller Formen, die zwischen Gegenwart und Antike vermitteln: etruskische Figuren, römische Skulpturen, sakrale Objekte, Keramik und Votivgaben.

Camoni greift diese Erinnerung jedoch nicht auf, um eine nostalgische Vorstellung italienischer Kultur zu inszenieren.

Das Alte wird nicht rekonstruiert.

Es wird neu zusammengesetzt.

Die Vergangenheit erscheint damit nicht als abgeschlossenes Erbe, sondern als Material, das sich in der Gegenwart verändern lässt. Camoni interessiert weniger, wie historische Formen einmal exakt ausgesehen haben, als dafür, was passiert, wenn wir heute erneut mit ihnen in Beziehung treten.

Das Handwerk ist keine Nebensache

Eine der interessantesten Entscheidungen des Pavillons liegt in der Betonung des Herstellungsprozesses.

Camoni arbeitet selbst intensiv mit ihren Materialien. In einem Interview mit Artribune betonte sie, dass die Arbeiten für den Pavillon handwerklich und möglichst ressourcenschonend produziert wurden. Keramik und textile Arbeiten tragen ihre Herstellungsprozesse sichtbar in sich.

Im Kontext der internationalen Gegenwartskunst ist das keineswegs nebensächlich.

Große Studios, spezialisierte Werkstätten, Assistenten und industrielle Produktionsprozesse gehören längst selbstverständlich zur Arbeit vieler international erfolgreicher Künstler. Camoni setzt einen anderen Akzent.

Die Hand bleibt sichtbar.

Damit berührt der italienische Pavillon zugleich eine größere Entwicklung der Gegenwartskunst: Materialien und Techniken, die lange unter dem Begriff „Kunsthandwerk“ hierarchisch unterhalb der sogenannten hohen Kunst eingeordnet wurden, kehren mit neuer Selbstverständlichkeit in Museen, Galerien und Biennalen zurück.

Keramik und Textilien müssen sich hier nicht mehr dafür entschuldigen, keine Bronze oder Malerei zu sein.

Gegen die Gigantomanie

Auch der Maßstab der Arbeiten ist Teil dieser Haltung. Die Tese delle Vergini im Arsenale sind gewaltige Räume. Camoni hätte sie mit monumentalen Objekten besetzen können.

Sie tut es nicht.

Ihre Figuren bleiben ungefähr menschlich dimensioniert. Dadurch entsteht eine eigentümliche Spannung: Der Raum ist riesig, die Werke sind es nicht. Wer sie erfahren möchte, muss näher kommen.

Der Besucher wird dadurch selbst Teil des räumlichen Gefüges.

Camoni hat diese Entscheidung als eine Form von Monumentalität beschrieben, die nicht aus gigantischen Dimensionen entstehen müsse, sondern aus Intensität und Gewicht.

Gerade im Vergleich mit anderen Beiträgen wird diese Haltung interessant. Während Florentina Holzingers österreichischer Pavillon den Raum über Körper, Performance und Ausnahmezustand aktiviert, entsteht Intensität bei Camoni durch beinahe entgegengesetzte Mittel.

Der Pavillon will den Besucher nicht überwältigen. Er bringt ihn auf Augenhöhe mit seinen Figuren.

Der zweite Raum: Vom Heiligtum zum Wohnzimmer

Nach den dunkleren, beinahe sakral wirkenden Skulpturen verändert sich die Atmosphäre im zweiten Teil des Pavillons.

Natürliches Licht fällt in den Raum. Möbel und Ablageflächen strukturieren die Installation. Werke werden nicht ausschließlich auf klassischen Sockeln präsentiert, sondern in eine Umgebung eingebettet, die an einen Wohn-, Arbeits- oder Versammlungsraum erinnert.

Damit verändert sich auch die Rolle der Kunst.

Das Werk ist nicht nur etwas, das aus sicherer Entfernung betrachtet wird. Es wird Teil eines sozialen Raumes, in dem Bewahren, Teilen, Sitzen, Sprechen und Nachdenken zumindest als Möglichkeiten mitgedacht werden.

Die Ausstellung bekommt den Charakter eines Hauses.

Nur dass die Dinge darin nicht ausschließlich als privater Besitz erscheinen.

Kunst als Gemeinschaftsarbeit

Besonders deutlich wird dieser Gedanke in der Sektion „Dialogues“.

Camonis Ausstellung beschränkt sich nicht vollständig auf ihre eigenen Arbeiten. Andere Positionen werden in die Struktur des Pavillons integriert. Damit wird die traditionelle Logik des nationalen Pavillons zumindest teilweise aufgeweicht: ein Land, eine Künstlerin, eine repräsentative Stimme.

Das passt zum Titel.

Mit dir. Nicht nur mit mir.

Die Kuratorin Cecilia Canziani versteht den Pavillon entsprechend als Raum der Möglichkeiten. Auch die Beziehung zwischen Künstlerin und Kuratorin wird Teil dieser Struktur.

Damit berührt Italien eine Frage, die ARTTRADO bereits beim französischen Pavillon von Yto Barrada beschäftigt hat:

Was bedeutet nationale Repräsentation innerhalb eines Kunstsystems, das längst global funktioniert?

Der nationale Pavillon als Widerspruch

Diese Frage ist 2026 besonders brisant.

Die Biennale organisiert einen Teil der Kunstwelt weiterhin nach Nationen. Das System stammt aus einer Zeit, in der Staaten ihre kulturelle Bedeutung buchstäblich in Architektur übersetzten. Künstler wurden zu Repräsentanten nationaler Identität.

Die Gegenwartskunst funktioniert längst anders. Künstler leben und arbeiten international, Galerien operieren global, Sammler kaufen weltweit und künstlerische Biografien lassen sich häufig kaum einem einzigen nationalen Kontext zuordnen.

Gleichzeitig hat gerade die diesjährige Biennale gezeigt, dass der nationale Pavillon keineswegs bedeutungslos geworden ist. Im Gegenteil.

Die Debatten um Russlands Rückkehr, Israels Beteiligung, den Rücktritt der internationalen Jury und den Streit um europäische Fördermittel haben sichtbar gemacht, wie politisch nationale Repräsentation weiterhin sein kann. ARTTRADO hat diese Entwicklung zuletzt ausführlich in „Biennale Venedig 2026 – Kunstfreiheit und Politik: Russland, Israel und der Streit mit der EU“ analysiert.

Vor diesem Hintergrund wirkt Camonis Antwort bemerkenswert unpatriotisch im besten Sinne.

Sie versucht nicht, „Italien“ als geschlossene kulturelle Identität auszustellen.

Stattdessen erscheint Italien als Geflecht aus Material, Geschichte, Handwerk, Beziehungen und Erinnerung.

Eine weibliche Perspektive auf den italienischen Pavillon

Hinzu kommt ein historischer Aspekt.

Chiara Camoni ist die erste Frau, die Italien in diesem Format mit einer Soloausstellung im nationalen Pavillon vertritt.

Das macht ihre Auswahl institutionell bemerkenswert. Die Geschichte nationaler Pavillons und großer Kunstausstellungen wurde über lange Zeit von männlichen Künstlern, Kuratoren und institutionellen Entscheidungsträgern geprägt.

Dass Italien 2026 eine Künstlerin auswählt, deren Praxis stark mit Gemeinschaft, Handarbeit, Natur und traditionell weiblich konnotierten Herstellungsformen verbunden ist, lässt sich deshalb durchaus als institutionelles Signal lesen.

Camonis Werk darauf zu reduzieren, wäre allerdings ein Fehler.

Sie macht keine „Frauenkunst“.

Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit Beziehungen zwischen Menschen, Pflanzen, Materialien, Tieren, Dingen und Geschichte.

Gerade diese Offenheit verhindert, dass der Pavillon in einer einzigen identitätspolitischen Lesart verschwindet.

Zwischen Kunsthandwerk und zeitgenössischer Kunst

Vielleicht liegt darin sogar eine der subtilsten Provokationen des italienischen Beitrags.

Camoni nimmt Materialien ernst, die im westlichen Kunstbetrieb lange unterhalb der klassischen „hohen Kunst“ eingeordnet wurden: Keramik, Textilien, Handarbeit, Dekoration, Pflanzen, Alltagsgegenstände und Fundstücke.

Die alte Frage lautet:

Ist das Kunst oder Kunsthandwerk?

Camonis Arbeiten antworten mit einer Gegenfrage:

Warum brauchen wir diese Trennung überhaupt noch?

Auch hierin fügt sich Italien in eine größere Entwicklung der Biennale ein. Beim chinesischen Beitrag „Dream Stream“ hat ARTTRADO bereits untersucht, wie traditionelle Kulturtechniken und zeitgenössische Produktionsformen ineinandergreifen. Dort treffen unter anderem Kalligrafie, digitale Technologien und Forschung aufeinander. Bei Camoni geschieht etwas Ähnliches ohne technologischen Unterbau: Tradition wird nicht konserviert, sondern als lebendiges Material weiterverwendet.

Die Stärke des Pavillons ist zugleich sein Risiko

„Con te con tutto“ ist allerdings nicht frei von Problemen.

Die poetische Sprache des Projekts, Natur, Gemeinschaft, Erinnerung, Ritual und Materialität, kann ins Ungefähre kippen. Wo alles miteinander verbunden ist, besteht die Gefahr, dass irgendwann kaum noch Reibung entsteht.

Auch die archaische Ästhetik der Figuren bleibt ambivalent. Wer mit rituellen, antiken oder vermeintlich ursprünglichen Formen arbeitet, bewegt sich schnell zwischen produktiver Erinnerung und romantisierender Projektion.

Einige Kritiker haben entsprechend eine gewisse Überladung oder einen „Archäologismus“ des Pavillons bemängelt.

Diese Kritik trifft einen interessanten Punkt. Denn Camonis Ausstellung funktioniert gerade deshalb so gut, weil sie Bedeutungen offenlässt. Genau diese Offenheit kann aber dazu führen, dass Begriffe wie Gemeinschaft, Natur oder Ritual mehr Atmosphäre erzeugen als tatsächliche Auseinandersetzung.

Die Frage ist deshalb nicht, ob der Pavillon schön oder poetisch ist.

Die interessantere Frage lautet, wie viel Widerstand seine Harmonie aushält.

Was Italien über die Biennale 2026 erzählt

Im größeren Zusammenhang erscheint der italienische Pavillon als Teil einer auffälligen Gegenbewegung innerhalb der diesjährigen Biennale.

ARTTRADO hat diese Entwicklung bereits in mehreren Beiträgen verfolgt. Der Nordische Pavillon setzt auf Mythologie, Transformation und Imagination. Der Vatikan richtet mit Patti Smith und Brian Eno den Blick auf Klang, Spiritualität und Stille. Litauen verbindet Körper, Erinnerung und Natur. Selbst der US-Pavillon mit Alma Allen verzichtet bewusst auf eine leicht lesbare politische Agenda und konzentriert sich stärker auf Material, Form und Wahrnehmung.

Das bedeutet nicht, dass die Biennale 2026 unpolitisch wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Die institutionellen Konflikte um Russland, Israel und die Finanzierung der Biennale haben die politische Dimension sogar ungewöhnlich sichtbar gemacht.

Aber innerhalb der Kunst selbst entsteht gleichzeitig eine andere Bewegung. Nicht jede Position versucht, die lauteste zu sein. Und genau dort trifft Camoni den Kern von „In Minor Keys“.

„In Minor Keys“ und der italienische Beitrag

Die von Koyo Kouoh entwickelte 61. Internationale Kunstausstellung trägt den Titel „In Minor Keys“. Der Begriff bezeichnet keine schwächere Version des großen Tons. Er verweist auf Ambivalenz, Resonanz, Zwischentöne und Formen künstlerischer Erfahrung, die sich nicht sofort erschließen müssen.

Nach Kouohs Tod im Mai 2025 erhielt dieses Konzept eine zusätzliche Dimension. ARTTRADO hat in Biennale di Venezia 2026: Kuratieren nach dem Tod – Koyo Kouoh bereits untersucht, was es bedeutet, dass eine der bedeutendsten Kunstausstellungen der Welt nach dem Tod ihrer Kuratorin auf Grundlage ihres bereits entwickelten Konzepts realisiert wird.

Camonis Pavillon scheint mit dieser Idee beinahe intuitiv verbunden.

Keine heroische Geste, keine monumentale Selbstdarstellung, keine nationale Selbstfeier.

Stattdessen Körper, Material, Erinnerung und Gemeinschaft.

Man könnte sagen:

Italien spielt 2026 tatsächlich in einer Molltonart.

Ist das ein politischer Pavillon?

Ja, allerdings nicht im klassischen Sinn.

Camoni arbeitet nicht mit Flaggen, Parolen oder direkter geopolitischer Anklage. Die politische Dimension liegt vielmehr in der Frage, wie Beziehungen organisiert werden.

Wenn Kunst nicht als heroische Einzelleistung verstanden wird, sondern als gemeinschaftlicher Prozess, steckt darin eine Vorstellung gesellschaftlicher Ordnung. Natur nicht bloß als Rohstoff oder Kulisse erscheint, sondern als Gegenüber und Material, ebenfalls. Wenn Handarbeit nicht als minderwertige Tätigkeit betrachtet wird, sondern als Wissen, verändert das kulturelle Hierarchien.

Und wenn ein nationaler Pavillon seine eigene nationale Repräsentationslogik relativiert, wird selbst die Zurückhaltung politisch.

Gerade im Vergleich zum Deutschen Pavillon „Ruin“, der Geschichte, DDR-Erinnerung, Transformation und gesellschaftliche Brüche wesentlich direkter verhandelt, zeigt sich, wie unterschiedlich politische Kunst auf derselben Biennale funktionieren kann.

Politik muss nicht immer als Botschaft auftreten. Sie kann auch in der Struktur einer Ausstellung liegen.

Ein italienischer Pavillon ohne Italien-Kitsch

Vielleicht ist das die überraschendste Leistung von „Con te con tutto“. Camoni arbeitet mit Elementen, die sich problemlos als „italienisch“ lesen lassen: Keramik, antike Formen, Handwerk, Natur, häusliche Räume und sakrale Anmutungen.

Trotzdem entsteht kein touristisches Italienbild. Keine Postkarte. Kein Renaissance-Zitatfeuerwerk. Keine künstliche Beschwörung des kulturellen Erbes. Die Vergangenheit wird nicht ausgestellt.

Sie wird verarbeitet. Das ist ein entscheidender Unterschied.

Warum der Pavillon im Gedächtnis bleibt

Die Stärke der Ausstellung liegt letztlich weniger in einem einzelnen spektakulären Werk als in ihrer Atmosphäre.

Man erinnert sich an die Figuren, die Dunkelheit, die Materialität der Keramik, die Pflanzen und den Wechsel in den helleren zweiten Raum. An die eigentümliche Mischung aus Wohnzimmer, Heiligtum, Werkstatt und archäologischem Fundort.

Camoni schafft damit keinen Raum, der lediglich Kunstwerke enthält. Sie schafft eine Situation.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum „Con te con tutto“ im Gedächtnis bleibt.

Fazit: Italien zeigt keine Kunst des Spektakels

Der italienische Pavillon gehört zu den Beiträgen der Biennale 2026, die sich nicht mit einem einzigen spektakulären Bild erklären lassen. „Con te con tutto“ ist eine räumliche und soziale Konstruktion, in der Chiara Camoni über Material, Handarbeit, Natur, Erinnerung und Gemeinschaft nachdenkt.

Das ist nicht laut. Gerade darin liegt seine Stärke.

Während der internationale Kunstbetrieb permanent darum konkurriert, Aufmerksamkeit in Sekunden zu gewinnen, setzt Camoni auf eine langsamere Form der Wahrnehmung. Ihre Figuren müssen nicht schreien. Sie verlangen Zeit.

Man kann diese Haltung poetisch finden, gelegentlich romantisch oder stellenweise zu harmonisch. Aber der Pavillon besitzt eine erkennbare Position: Kunst muss nicht größer werden, um Bedeutung zu gewinnen. Sie kann körperlicher, materieller und gemeinschaftlicher werden.

Im Kontext der bisherigen ARTTRADO-Berichterstattung zur Biennale wird damit auch sichtbar, wie unterschiedlich die nationalen Beiträge auf dieselbe Gegenwart reagieren. Österreich antwortet mit körperlicher Eskalation, Dänemark mit technologischer und sexueller Spekulation, China mit einem System aus Tradition und Zukunftstechnologie, Deutschland mit Erinnerung und gesellschaftlichem Bruch, der Nordische Pavillon mit Mythologie und der Vatikan mit Stille und Spiritualität.

Italien antwortet mit Beziehung.

Und vielleicht ist das angesichts einer Biennale, die politisch und institutionell selbst ungewöhnlich laut geworden ist, tatsächlich eine der deutlichsten leisen Aussagen dieses Jahres.

Chiara Camoni – „Con te con tutto“: Die wichtigsten Fakten

Künstlerin: Chiara Camoni
Kuratorin: Cecilia Canziani
Kommissar: Angelo Piero Cappello
Ort: Tese delle Vergini, Arsenale, Venedig
Titel: Con te con tutto
Biennale: 61. Internationale Kunstausstellung, In Minor Keys
Laufzeit: 9. Mai bis 22. November 2026

FAQ: Italienischer Pavillon 2026

Wer vertritt Italien bei der Biennale Venedig 2026?

Italien wird 2026 von der Künstlerin Chiara Camoni vertreten. Kuratiert wird der italienische Pavillon von Cecilia Canziani. Die Ausstellung trägt den Titel Con te con tutto.

Wo befindet sich der italienische Pavillon 2026?

Der italienische Beitrag befindet sich in den Tese delle Vergini im Arsenale in Venedig.

Was bedeutet „Con te con tutto“?

Der Titel lässt sich sinngemäß mit „Mit dir, mit allem“ übersetzen. Er verweist auf Camonis Interesse an Beziehungen, Gemeinschaft, Natur, Materialität und Formen gemeinschaftlichen Arbeitens.

Was macht Chiara Camonis Kunst aus?

Camoni arbeitet unter anderem mit Keramik, Textilien, Pflanzen und gefundenen Materialien. Handwerkliche Prozesse sowie die Beziehungen zwischen Mensch, Natur, Geschichte und Material spielen eine zentrale Rolle.

Warum ist der italienische Pavillon 2026 besonders?

Chiara Camoni ist die erste Frau, die Italien in diesem Format mit einer Soloausstellung im nationalen Pavillon vertritt. Gleichzeitig gehört „Con te con tutto“ zu jenen Beiträgen der Biennale 2026, die bewusst auf Monumentalität und schnelle visuelle Effekte verzichten und stattdessen auf Materialität, Nähe und gemeinschaftliche Produktionsformen setzen.

Weitere Informationen

Titelbild: View of Chiara Camoni and Cecilia Canziani: Con Te Con Tutto. Photo: Camilla Maria Santini

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