70 Arbeiten, eine neue Porträtserie und ein Spiel mit Wahrnehmung, Licht und Material: In der Galerie Ostendorff zeigt Maxim Wakultschik ab Ende August seine bislang vielschichtige künstlerische Welt.
Wenn Licht zur Materie wird: Maxim Wakultschik zeigt „Light becoming Matter“
Ein Porträt ist normalerweise eine Festlegung: ein Gesicht, ein Moment, ein Gegenüber. Bei Maxim Wakultschik beginnt genau dort die Irritation. Seine Figuren wirken zunächst wie klassische Porträts, doch je länger man sie betrachtet und je stärker sich die eigene Position verändert, desto weniger eindeutig wird das Bild. Augen verschieben sich, Farben scheinen zu wandern, Flächen lösen sich auf und setzen sich neu zusammen.
Was zunächst wie ein statisches Bild erscheint, wird zur Wahrnehmungserfahrung.
Unter dem Titel „Light becoming Matter“ präsentiert die Galerie Ostendorff in Münster ab dem 29. August eine umfassende Soloausstellung des Düsseldorfer Künstlers. Rund 70 Arbeiten aus unterschiedlichen Werkserien geben einen Einblick in ein Schaffen, das sich seit Jahren zwischen Malerei, Relief und Skulptur bewegt. Im Mittelpunkt steht dabei eine Frage, die Wakultschiks Arbeiten immer wieder beschäftigt: Was liegt hinter dem, was wir sehen?
Ein Porträt ist bei Wakultschik mehr als ein Gesicht
Besonders deutlich wird dieser Ansatz in der neu entwickelten Serie „Optical Portraits Prisma“. Die Arbeiten greifen zwar auf das vertraute Motiv des menschlichen Gesichts zurück, entziehen es aber zugleich seiner Eindeutigkeit.
Unterschiedliche Augenfarben, überlagerte Ebenen, Lichtblitze und scheinbar fließende Strukturen erzeugen Bilder, die sich nicht auf einen einzigen visuellen Zustand festlegen lassen. Der Betrachter wird dabei gewissermaßen Teil des Werks: Eine minimale Veränderung des Blickwinkels kann genügen, um eine andere Struktur sichtbar werden zu lassen.
Damit setzt Wakultschik einen Gedanken fort, der bereits in früheren Werkserien eine zentrale Rolle spielt. Seine Arbeiten sind nicht einfach Bilder, die etwas darstellen. Sie untersuchen, wie Darstellung überhaupt funktioniert – und wie leicht unsere Wahrnehmung zwischen Realität, Illusion und Interpretation ins Schwanken gerät.
Auf seiner Website beschreibt Wakultschik seine künstlerische Praxis als Auseinandersetzung mit Licht, Bewegung und Vibration. Besonders entscheidend ist dabei die Reaktion seiner Arbeiten auf das Umgebungslicht und die Bewegung des Betrachters.
Tausende Elemente statt klassischer Malerei
Besonders überraschend ist die Herstellung der Arbeiten. Denn obwohl Wakultschiks Werke auf den ersten Blick an Malerei erinnern, entstehen viele seiner Bildkörper nicht mit Pinsel und Farbe auf einer klassischen Leinwand.
Stattdessen werden tausende einzelne farbige Holzstäbchen beziehungsweise Holzstiftspitzen präzise angeordnet. Aus den kleinen Elementen entstehen reliefartige Bildkörper, deren Oberfläche je nach Lichteinfall und Perspektive unterschiedlich wirkt.
Die Technik ist damit nicht bloß ein ungewöhnliches Herstellungsverfahren. Sie ist Teil des Konzepts.
Aus vielen einzelnen Elementen entsteht ein Gesicht. Mit der Farbe entsteht Struktur. Aus der Struktur entsteht Bewegung. Und aus einer scheinbar festen Oberfläche entsteht ein Bild, das sich im Auge des Betrachters ständig verändert.
Eine aktuelle Ausstellungsvorschau der Galerie Ostendorff beschreibt genau diese Arbeiten als präzise gesetzte Elemente, die zwischen Malerei und Bildhauerei angesiedelt sind.
Vom sichtbaren Gesicht zur unsichtbaren Präsenz
In Münster richtet Wakultschik den Blick dabei noch stärker auf das, was sich einer direkten Darstellung entzieht. Die neue Serie „Optical Portraits Prisma“ beschäftigt sich mit den unsichtbaren Ebenen menschlicher Präsenz – also mit jenen Vorgängen, die wir nicht unmittelbar sehen, die unsere Wahrnehmung aber dennoch beeinflussen.
Das erklärt auch den Titel der Ausstellung: „Light becoming Matter“ – Licht wird Materie.
Der Titel beschreibt einen Übergang, der sich durch Wakultschiks gesamtes Werk zieht. Licht ist bei ihm nicht lediglich ein Mittel, mit dem ein Objekt sichtbar gemacht wird. Es wird selbst zum Bestandteil des künstlerischen Geschehens.
Damit berührt seine Kunst zugleich Fragen aus unterschiedlichen Bereichen: Wahrnehmung, Physik, Philosophie und menschliche Existenz. Wakultschik interessiert sich weniger für das Porträt als unveränderliches Abbild eines Menschen als für das, was sich hinter der sichtbaren Oberfläche abspielen könnte.
Zwischen Malerei und Skulptur
Wakultschik hat an der Kunstakademie Düsseldorf bei Jannis Kounellis und Beate Schiff studiert. Seitdem hat er seine ursprünglich aus der Malerei entwickelte Bildsprache zunehmend in den Raum erweitert. Seine Vita verzeichnet zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland und international.
Diese Entwicklung lässt sich auch in der Ausstellung in Münster nachvollziehen. Neben den neuen „Optical Portraits Prisma“ werden Arbeiten aus den Serien „Optical Portraits“, „Geometrical Portraits“ und „Multipersonality“ sowie ausgewählte Skulpturen gezeigt.
Damit wird „Light becoming Matter“ mehr als eine Präsentation einer einzelnen neuen Serie. Die Ausstellung ermöglicht vielmehr einen Blick auf die Entwicklung einer künstlerischen Methode, in der sich Bild und Objekt zunehmend annähern.
Interessant ist dabei gerade die Spannung zwischen der mathematischen Präzision der Herstellung und der beinahe organischen Wirkung der fertigen Werke. Was aus streng geordneten Einzelteilen entsteht, wirkt plötzlich lebendig, fließend und manchmal sogar pulsierend.
Nach Salzburg nun Münster
Für Wakultschik ist Münster die nächste Station eines international stark präsenten Ausstellungsjahres. Erst im Frühjahr war sein Werk mit „Beyond the Surface“ im Hangar-7 in Salzburg zu sehen. Auch dort standen Wahrnehmung, Licht, Bewegung und die Veränderung der Werke aus unterschiedlichen Blickwinkeln im Zentrum.
In Düsseldorf wiederum verband Wakultschik seine Kunst im Rahmen von „Synergetics“ mit Performance, elektronischer Musik und Clubkultur.
Die Münsteraner Ausstellung setzt nun einen anderen Akzent. Statt eines immersiven Großraumerlebnisses steht die konzentrierte Begegnung mit dem einzelnen Werk im Vordergrund.
Das passt zum Prinzip seiner Arbeiten: Sie verlangen Zeit. Wer nur kurz vorbeigeht, sieht ein Porträt. Wer stehen bleibt, beginnt die Konstruktion dahinter zu entdecken. Und wer seine Position verändert, erlebt, dass das vermeintlich feste Bild plötzlich selbst in Bewegung gerät.
Eine Ausstellung über das Sehen
Vielleicht liegt genau darin die interessanteste Seite von „Light becoming Matter“. Wakultschik stellt nicht nur die Frage, was ein Bild zeigen kann. Er stellt die Frage, was unser Blick aus einem Bild macht.
Seine Werke sind präzise konstruiert und zugleich darauf angelegt, diese Präzision wieder ins Wanken zu bringen. Tausende einzelne Elemente ergeben ein scheinbar geschlossenes Ganzes – und dieses Ganze zerfällt bei genauerem Hinsehen wieder in seine Bestandteile.
Zwischen Licht und Materie, Fläche und Raum, Realität und Illusion entsteht so ein künstlerischer Zwischenzustand.
Die Galerie Ostendorff zeigt „Light becoming Matter“ vom 29. August bis zum 19. September 2026 am Prinzipalmarkt in Münster. Die Vernissage findet am Samstag, 29. August, ab 16 Uhr statt. Zur Eröffnung spricht Dr. Alexander Leinemann, wissenschaftlicher Referent beim LWL-Museumsamt.
Maxim Wakultschik – Light becoming Matter
Galerie Ostendorff, Prinzipalmarkt 11, 48143 Münster.
29. August – 19. September 2026
Vernissage: Samstag, 29. August 2026, ab 16 Uhr
Die Ausstellung umfasst rund 70 Arbeiten aus verschiedenen Werkserien.
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