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Kunst, Mathematik und digitale Partizipation
Buchempfehlung – Gerd Jansen und sein digitales Werkbuch „countune“

Kunst und Mathematik: Buchempfehlung - Gerd Jansen und sein digitales Werkbuch "countune" - Kunst und Kultur entdecken auf ARTTRADO.

Gerd Jansens Kunstprojekt zwischen System und Freiheit Was geschieht, wenn ein Künstler seine eigene Kompositionsmethode für andere Menschen öffnet? Wenn
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Kann ein Kunstwerk entstehen, ohne dass der Künstler jedes einzelne Bild selbst gestaltet? Mit countune entwickelte Gerd Jansen 2009 ein internationales Kunstprojekt, das mathematische Ordnung mit individueller Kreativität verbindet. Sein Werkbuch dokumentiert eine ungewöhnliche Idee: Kunst als offener Prozess, an dem Menschen überall auf der Welt teilhaben können.

Gerd Jansens Kunstprojekt zwischen System und Freiheit

Was geschieht, wenn ein Künstler seine eigene Kompositionsmethode für andere Menschen öffnet? Wenn aus einer individuellen künstlerischen Handschrift ein gemeinschaftlicher Prozess wird, dessen Ergebnis sich ständig verändert und erweitert. Mit countune entwickelte der Schweizer Künstler Gerd Jansen eine Antwort auf diese Fragen. Das am 14. Februar 2009 vorgestellte Projekt macht seine Kompositionsmethode über das Internet zugänglich und lädt Menschen weltweit dazu ein, selbst Teil eines fortlaufenden Kunstwerks zu werden.

Das dazugehörige Werkbuch dokumentiert die Idee hinter diesem ungewöhnlichen Vorhaben. Es erzählt von der Verbindung zwischen Mathematik, Musik und bildender Kunst, aber auch von einer grundlegenden Frage: Wem gehört ein Kunstwerk, wenn viele Menschen an seiner Entstehung beteiligt sind?

Gerd Jansen: Wenn Zahlen zu Bildern werden

Gerd Jansens künstlerische Arbeit bewegt sich seit Jahrzehnten an der Schnittstelle unterschiedlicher Disziplinen. Bildende Kunst, Musik, Naturwissenschaft und philosophische Fragestellungen stehen dabei nicht isoliert nebeneinander. Vielmehr sucht Jansen nach Strukturen und Gesetzmäßigkeiten, die sich in verschiedenen Ausdrucksformen wiederfinden lassen.

Eine wichtige Rolle spielen Zahlen und mathematische Ordnungen. Insbesondere die natürlichen Zahlen und Primzahlen bilden die Grundlage seiner Kompositionsmethode. Aus mathematischen Zusammenhängen entwickelt Jansen visuelle Strukturen, die sich in Bildserien und grafischen Kompositionen niederschlagen.

Die Beschäftigung mit diesen Systemen führte ihn schließlich zu einer weiterreichenden Überlegung: Warum sollten die einzelnen Bildserien voneinander getrennt bleiben? Gegen Ende des Jahres 2008 gewann die Idee zunehmend an Bedeutung, sie zu einem einzigen, zusammenhängenden Projekt zu verbinden.

Die Entwicklung war eine enorme Kraftanstrengung. Neben seiner eigenen künstlerischen Arbeit erforderte auch die Institutsarbeit viel Energie. Doch aus den verschiedenen Etappen entstand schließlich eine Lösung, die weit über eine bloße Zusammenführung bestehender Bilder hinausging.

countune: Ein Bild, an dem die Welt mitarbeitet

Am 14. Februar 2009 stellte Gerd Jansen das Projekt countune vor. Über eine eigens eingerichtete Internetseite wurde seine Kompositionsmethode erstmals unmittelbar für andere Menschen zugänglich.

Das Prinzip: Entlang eines Zahlenstrahls können Teilnehmende von jedem Ort der Welt aus eigene Bilder gestalten. Sie wählen Bildausschnitte und Farben, verändern ihre Kompositionen und können die entstandenen Bilder mit der eigenen Homepage verlinken. Auch digitale Grußkarten, sogenannte E-Cards, lassen sich mit den persönlichen Kreationen versenden.

Dabei bleibt es nicht bei einer Sammlung einzelner Bilder. Die Beiträge werden Teil eines fortlaufend wachsenden und interaktiv nutzbaren Bildbandes. Das Gesamtbild verändert sich und erweitert sich mit jeder neuen Beteiligung.

Auch die Umgebung des Projekts ist gemeinschaftlich angelegt: Freunde von countune können wechselnde Hintergrundbilder zur Verfügung stellen. Die Musik stammt ebenfalls von Menschen aus dem Umfeld des Projekts und lässt sich nach Belieben zuschalten.

So entsteht ein Kunstwerk, das nicht als abgeschlossenes Objekt gedacht ist. Es wächst, verändert sich und wird durch die Beteiligung seiner Nutzerinnen und Nutzer immer wieder neu zusammengesetzt.

Die Melodie der Zahlen: Wenn Mathematik hörbar wird

Ein besonders interessanter Aspekt von countune ist die Verbindung von Bild und Musik. Jansen beschäftigte sich mit der Frage, wie sich die musikalische Struktur seiner Zahlenkompositionen sichtbar machen lässt.

Die Antwort fand er in der grafischen Darstellung der sogenannten „Melodie der Zahlen“. In Zusammenarbeit mit interessierten Menschen wurde damit eine weitere Ebene des Projekts erschlossen.

Die mathematische Ordnung bleibt also nicht auf die visuelle Gestaltung beschränkt. Sie wird zum Ausgangspunkt für unterschiedliche künstlerische Ausdrucksformen. Bild, Zahl und Klang treten miteinander in Beziehung.

Gerade diese Verbindung macht countune zu mehr als einer interaktiven Internetplattform. Das Projekt versteht sich als offenes künstlerisches System, in dem verschiedene Medien und individuelle Beiträge zusammenfinden.

Ein Werkbuch über Kunst, Beteiligung und Autorschaft

Das Werkbuch countune dokumentiert die Idee und die Entwicklung des internationalen Social-Art-Projekts. Es führt in die dahinterliegende Kompositionsmethode ein und macht nachvollziehbar, wie aus einer mathematisch geprägten Bildsprache ein gemeinschaftlich nutzbarer künstlerischer Prozess werden konnte.

Im Zentrum stehen dabei weniger einzelne abgeschlossene Werke als vielmehr die Bedingungen ihrer Entstehung. Jansen stellt ein System bereit, innerhalb dessen andere Menschen eigene Entscheidungen treffen und individuelle Bilder hervorbringen können.

Damit verschiebt sich auch die klassische Vorstellung von künstlerischer Autorschaft. Der Künstler entwickelt die Regeln und den strukturellen Rahmen. Die Teilnehmenden gestalten innerhalb dieses Rahmens ihre eigenen Beiträge. Das Gesamtwerk entsteht aus dem Zusammenspiel beider Ebenen.

Diese Form der Beteiligung ist ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts. Die Offenheit des Systems ist nicht bloß eine technische Funktion, sondern gehört zur künstlerischen Idee selbst.

Warum sich ein Blick auf countune lohnt

Heute sind digitale Plattformen, interaktive Gestaltung und gemeinschaftlich entwickelte Inhalte selbstverständlich geworden. countune entstand jedoch bereits 2009 und verfolgte von Anfang an den Gedanken, ein künstlerisches System über das Internet für Menschen auf der ganzen Welt zu öffnen.

Das Projekt ist deshalb auch ein interessanter Blick auf die Entwicklung digitaler und partizipativer Kunst. Es geht nicht darum, ein möglichst perfektes Einzelbild zu produzieren. Entscheidend ist die Möglichkeit, innerhalb einer gemeinsamen Struktur eigene Ideen einzubringen und Teil eines größeren Zusammenhangs zu werden.

Besonders bemerkenswert ist dabei die Einfachheit der Grundidee: Eine mathematische Ordnung wird zur Grundlage individueller Gestaltung. Aus vielen einzelnen Entscheidungen entsteht ein Bild, das sich ständig verändert und weiterwächst.

Mit countune stellt Gerd Jansen damit nicht nur eine Kompositionsmethode vor. Er formuliert auch eine Vorstellung davon, wie Kunst im digitalen Raum gemeinschaftlich entstehen kann.

Das Werkbuch lädt dazu ein, diesen Gedanken nachzuvollziehen und die Verbindung von Mathematik, Musik und bildender Kunst aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu betrachten.

Das Buch im Überblick

Titel: countune – International Social Art Project / Werkbuch 9
Künstler: Gerd Jansen
Projektbeginn: 2009
Herausgeber: Institut für bildnerisches Denken
Umfang: Die ursprüngliche Dokumentation nennt 216 Seiten. Die digitale Ausgabe auf Internet Archive weist 224 Seiten aus.
Online-Projekt: www.countune.com
E-Book: countune auf Internet Archive lesen

Gerd Jansen im Interview: über Ordnung, Freiheit und fünf Jahrzehnte Kunst

 

Fazit: Ein Kunstwerk ohne endgültigen Schlusspunkt

countune ist ein Beispiel dafür, wie sich eine künstlerische Idee über die Grenzen des eigenen Ateliers hinaus entwickeln kann. Gerd Jansen überträgt seine Kompositionsmethode in einen offenen digitalen Raum und macht andere Menschen zu aktiven Beteiligten eines fortlaufenden Kunstprozesses.

Das Werkbuch dokumentiert diesen Ansatz und eröffnet einen Zugang zu einer Arbeit, bei der nicht das fertige Einzelbild im Mittelpunkt steht, sondern das Zusammenspiel von Struktur, Kreativität und Gemeinschaft.

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Qualität des Projekts: Das Kunstwerk ist nie endgültig abgeschlossen. Es bleibt offen für neue Beiträge, neue Verbindungen und neue Interpretationen.

Weitere Informationen

Werk der Woche #123: Mineral m20190630 von Gerd Jansen

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