Vom neu gestalteten Raschplatz über ein schwimmendes Atelier bis zur Frage, wer sich künstlerische Freiheit noch leisten kann: Das Straßenmagazin Asphalt widmet seine Ausgabe 09/26 der Kunst – und zeigt, warum sie nicht erst im Museum beginnt. Kunst hat einen erstaunlichen Reflex: Sie wird gerne dorthin gestellt, wo ohnehin schon alle wissen, dass sie Kunst ist. Museum, Galerie, White Cube – ein Glas Wein in der Hand, ein Preis an der Wand.
Wo Kunst auf Wirklichkeit trifft: Die neue Asphalt-Ausgabe „Kunstformen“
Die aktuelle Ausgabe 09/26 des hannoverschen Straßenmagazins Asphalt nimmt einen anderen Weg. Unter dem Titel „Kunstformen“ sucht sie Kunst dort, wo Menschen leben, arbeiten und einander begegnen: auf Beton, in Werkstätten, auf dem Wasser und mitten in den sozialen und wirtschaftlichen Konflikten einer Stadt.
Dabei will das Heft kein klassischer Kunstführer sein. Es stellt vielmehr eine Frage, die weit über einzelne Werke hinausgeht: Was kann Kunst bewirken, wenn sie den geschützten Raum von Museen und Galerien verlässt?
Kunst, die sich in die Stadt einmischt
Die Beiträge der Ausgabe verbindet ein Kunstverständnis, das über fertige Werke hinausgeht. Kunst erscheint hier nicht nur als Bild, Skulptur oder Installation, sondern als Eingriff in bestehende Räume und Verhältnisse. Sie kann einen Platz verändern, Gemeinschaft ermöglichen oder Menschen sichtbar machen. Gleichzeitig stößt sie dort an Grenzen, wo soziale, politische und wirtschaftliche Probleme beginnen.
Besonders deutlich wird das auf dem Raschplatz. In „Mehr als Farbe auf Beton“ nimmt Sabrina Rösler die neue Bodengestaltung des Platzes in den Blick. Die farbigen Flächen und eine Halfpipe haben einen lange von grauem Beton geprägten Ort sichtbar verändert. Interessant ist dabei jedoch weniger die Geschmacksfrage, ob die Gestaltung gefällt. Entscheidend ist die Spannung zwischen künstlerischer Aufwertung und sozialer Wirklichkeit.
Ein Farbanstrich kann die Wahrnehmung eines Ortes verändern. Aber kann er auch seine Probleme lösen? Wem gehört der öffentliche Raum, wenn sehr unterschiedliche Menschen Ansprüche an ihn stellen? Und wer wird bei seiner Neugestaltung mitgedacht? Rösler nutzt die Bodenkunst als Ausgangspunkt für eine Debatte, die weit über Hannover hinausreicht: Kunst im öffentlichen Raum ist niemals nur Dekoration. Sie verändert Orte – und damit auch die Bedingungen ihrer Nutzung.
Zwischen schwimmendem Freiraum und fehlenden Ateliers
Einen ganz anderen Raum betritt Carlotta Steinkamp für ihren Beitrag „Neue Ufer: Floating Islands zwischen Kunst und Ökologie“. Begleitet von den Fotografien des hannoverschen Dokumentarfotografen Tim Kirchhof, von dem auch das Titelbild der Ausgabe stammt, begibt sie sich an Bord der „ZuKunst“ auf der Ihme.
Die von dem hannoverschen Künstler und „Artivisten“ Joy Lohmann initiierte Plattform lässt sich kaum eindeutig einordnen. Sie ist Boot, Atelier, Garten, Veranstaltungsort und soziales Experiment. Genau darin liegt ihre Stärke: Die „ZuKunst“ wartet nicht darauf, dass ihr ein klassischer Kulturraum zur Verfügung gestellt wird. Sie schafft ihren eigenen.
Was auf der Ihme zunächst wie ein charmantes lokales Kunstprojekt wirkt, führt schnell zu größeren Fragen: Wie können Kunst, Gemeinschaft und Umweltschutz zusammenfinden? Was kann ein schwimmender Kulturort für eine Stadt leisten? Und wie entwickelt sich aus einer Idee aus Hannover ein Konzept, das auch international aufgegriffen wird?
Einen spannenden Gegenpol bildet „Der Preis der Kunst“ von Otis Glandorf. Während Lohmann mit der „ZuKunst“ einen ungewöhnlichen Freiraum entstehen lässt, beschäftigt sich Glandorf mit den Räumen, die der Kunst zunehmend verloren gehen. Steigende Mieten und fehlende Ateliers bedrohen nicht nur einzelne Kunstschaffende, sondern die Vielfalt einer gesamten Stadtkultur.
Mit dem Künstler Domingos de Barros Octaviano und dem hannoverschen Kunstprojekt POMP bekommt diese Entwicklung ein konkretes Gesicht. Der Beitrag kratzt an einer unbequemen Wahrheit des Kulturbetriebs: Über künstlerische Freiheit lässt sich leicht sprechen – solange niemand fragt, wer die Miete für das Atelier bezahlt.
Wie viel kreative Unabhängigkeit bleibt, wenn Kunstschaffende mehrere Jobs benötigen, um ihre Arbeitsräume zu finanzieren? Und was verliert eine Stadt, wenn Ateliers, Werkstätten und unabhängige Projekträume verschwinden? Die beiden Beiträge ergänzen sich auf bemerkenswerte Weise: Der eine zeigt, wie Kunst neue Räume erfinden kann. Der andere erinnert daran, warum sie das zunehmend tun muss.
Kreativität ist mehr als ein Marktwert
Auch Sabrina Röslers Beitrag „Was ich nicht habe, das male ich“ erweitert den Blick darauf, welchen Wert künstlerische Arbeit besitzen kann. In der Farbwerkstatt des Werkstatt-Treffs Mecklenheide e. V. entstehen Bilder, gestaltete Möbel, Fahrräder und kleinere Kunstwerke. Vor allem aber entstehen dort Möglichkeiten für Menschen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt häufig nur noch über ihre vermeintlichen Defizite wahrgenommen werden.
Rösler begegnet unter anderem Bea, die in der Farbwerkstatt arbeitet und außerdem Asphalt verkauft, sowie Wolfgang Boenke, der sein Wissen und seine Erfahrung weitergibt. Dabei geht es nicht darum, aus der Werkstatt eine kleine Galerie zu machen oder die entstandenen Arbeiten nach kunstmarktüblichen Maßstäben zu beurteilen. Der Beitrag berührt vielmehr die Frage, was kreatives Arbeiten einem Menschen geben kann: Struktur, Anerkennung, Gemeinschaft und die Erfahrung, etwas Eigenes geschaffen zu haben.
Einen interessanten Kontrapunkt setzt Otis Glandorf mit „Wilde Zeiten“. Ausgehend von einer Zukunftsvision Oscar Wildes aus dem Jahr 1891 fragt er, was es über unsere Gesellschaft aussagt, wenn Maschinen inzwischen schreiben, malen und Musik produzieren, während viele Menschen weiterhin kaum Zeit oder Möglichkeiten haben, selbst kreativ zu werden.
Oscar Wilde stellte sich technischen Fortschritt als Befreiung vor: Maschinen sollten den Menschen monotone Arbeiten abnehmen und ihnen mehr Zeit für Bildung, Muße und Kunst verschaffen. Heute übernehmen Maschinen ausgerechnet kreative Tätigkeiten. Damit geht es nicht mehr allein darum, ob künstliche Intelligenz Kunst erschaffen kann. Es geht ebenso um Arbeit, Zeit und die Frage, welchen Stellenwert wir menschlicher Kreativität überhaupt noch geben.
Zwischen der Farbwerkstatt und der KI-Debatte entsteht so eine Verbindung, die zu den gedanklich stärksten Ebenen dieser Asphalt-Ausgabe gehört: Auf der einen Seite zeigt sich, wie wichtig kreatives Arbeiten für Menschen sein kann. Auf der anderen Seite steht eine technologische Entwicklung, die genau diese Tätigkeiten zunehmend automatisiert.
Asphalt: Journalismus von der Straße
Asphalt ist mehr als ein Magazin, das zufällig auf der Straße verkauft wird. Der Verkaufsort gehört zum Konzept: Menschen, die von Armut betroffen sind und teilweise Erfahrungen mit Wohnungslosigkeit haben, erwerben jedes Exemplar für 1,70 Euro und verkaufen es für 3,40 Euro. Die Differenz bleibt bei ihnen. So verbindet das gemeinnützige Straßenmagazin journalistische Arbeit mit konkreter Hilfe zur Selbsthilfe.
Wer Asphalt kauft, erhält deshalb nicht einfach eine Broschüre für den guten Zweck, sondern ein redaktionell gestaltetes Magazin mit Reportagen, Interviews, Kulturbeiträgen und gesellschaftspolitischen Themen. Gleichzeitig entsteht beim Verkauf etwas, das sich schwer in Zahlen ausdrücken lässt: eine Begegnung im öffentlichen Raum. Verkäuferinnen und Verkäufer werden nicht nur als Menschen in einer schwierigen Lebenssituation wahrgenommen, sondern als sichtbarer Teil der Stadtgesellschaft.
Asphalt erhält nach eigenen Angaben keine regelmäßigen staatlichen oder kirchlichen Zuwendungen. Der Verkauf des Magazins ist damit nicht bloß Verbreitungsweg, sondern ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Modells.
Warum „Kunstformen“ so gut zu Asphalt passt
Dass ausgerechnet ein Straßenmagazin eine Kunstausgabe veröffentlicht, ist kein Widerspruch. Im Gegenteil: Viele der vorgestellten Projekte beschäftigen sich mit öffentlichem Raum, Sichtbarkeit, Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe. Das sind keine abstrakten Themen für ein Magazin, dessen Verkäuferinnen und Verkäufer ihren Arbeitsalltag mitten in der Stadt verbringen.
„Kunstformen“ betrachtet Kunst nicht aus sicherer Entfernung. Die Ausgabe fragt, wer Räume gestalten darf, wer Zugang zu ihnen bekommt und welche Voraussetzungen Menschen benötigen, um überhaupt kreativ arbeiten zu können. Dadurch wird aus einem Kunstheft zugleich eine Ausgabe über Hannover und die Menschen, die diese Stadt auf sehr unterschiedliche Weise erleben.
Wer das Magazin kauft, unterstützt daher nicht nur ein wichtiges soziales Projekt. Er bekommt auch einen ungewöhnlichen Blick auf Kunst, der zwischen Raschplatz, Atelier, Farbwerkstatt und Ihme näher am wirklichen Leben liegt als mancher klassische Ausstellungsführer.
Unser Tipp: Beim nächsten Weg durch Hannover nach einem Asphalt-Verkäufer Ausschau halten, die Ausgabe kaufen und selbst weiterlesen. Denn manchmal liegt die interessanteste Kunst tatsächlich dort, wo man sie am wenigsten erwartet: auf dem Asphalt.
Weitere Informationen zum Magazin und zu den Verkaufsstellen gibt es beim Asphalt-Magazin.
Anmerkung der Redaktion: Wir haben einige Beiträge dieser Ausgabe bewusst aufgegriffen, verzichten aber darauf, ihre Geschichten und Schlussfolgerungen vollständig nachzuerzählen. Zunächst möchten wir unseren Leserinnen und Lesern die Gelegenheit geben, das aktuelle Asphalt-Magazin selbst zu entdecken. Nach dem Ende des Verkaufszeitraums werden wir ein bis zwei der darin angestoßenen Debatten auf ARTTRADO ausführlicher weiterführen.
Weitere Informationen
Titelbild: Joy Lohmann, Initiator der schwimmenden Kunst- und Kulturplattform „ZuKunst“ auf der Ihme. Bildnachweis: Foto: Tim Kirchhof / Asphalt Magazin
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