Arttrado.de - Magazin und Marktplatz für junge Kunst.

Ein Hirsch ohne festen Boden
Ukrainischer Pavillon auf der Biennale Venedig 2026: Zhanna Kadyrova

Ukrainischer Pavillon Biennale Venedig 2026: Zhanna Kadyrovas - Krieg, Vertreibung und gebrochene Sicherheitszusagen. Kunst entdecken auf ARTTRADO - Empfohlene Kunstveranstaltungen auf der Plattform für Kunst und Kultur. Ukrainischer Pavillon Biennale Venedig 2026: Zhanna Kadyrovas - Krieg, Vertreibung und gebrochene Sicherheitszusagen. Kunst entdecken auf ARTTRADO - Empfohlene Kunstveranstaltungen auf der Plattform für Kunst und Kultur. Ukraine Pavillon Biennale 2026

Ukrainischer Pavillon auf der Biennale Venedig 2026: Zhanna Kadyrova Ein Hirsch aus Beton schwebt über dem Boden. Ein Kran hält
Weiterlesen

Eine Betonskulptur wird vor dem Krieg aus Pokrowsk gerettet und hängt nun in Venedig am Kran eines Lastwagens. Mit „Security Guarantees“ macht die Künstlerin Zhanna Kadyrova aus der Reise des „Origami Deer“ eine Ausstellung über Heimat, Schutz und gebrochene Sicherheitszusagen.

Ukrainischer Pavillon auf der Biennale Venedig 2026: Zhanna Kadyrova

Ein Hirsch aus Beton schwebt über dem Boden. Ein Kran hält ihn in der Luft; der Lastwagen, der ihn nach Venedig gebracht hat, bleibt Teil des Bildes. Die Skulptur wirkt auf den ersten Blick leicht wie gefaltetes Papier. Tatsächlich ist sie schwer, verletzlich und auf eine Maschine angewiesen, die sie trägt.

Mit diesem Bild beginnt der ukrainische Beitrag zur Biennale Venedig 2026. „Security Guarantees“ heißt die Ausstellung der Künstlerin Zhanna Kadyrova. Sie verteilt sich auf zwei Orte: In den Giardini hängt ihr „Origami Deer“ am Kran des Lastwagens. Im Arsenale erzählen Videos und Archivmaterialien, warum die Skulptur ihre Heimatstadt verlassen musste. Kuratiert wird der Pavillon von Ksenia Malykh und Leonid Marushchak.

Ein Kunstwerk aus dem Alltag von Pokrowsk

Kadyrova schuf den Hirsch 2019 für einen Park in Pokrowsk in der ostukrainischen Region Donezk. Er stand dort an der Stelle eines abgebauten sowjetischen Kampfjets. Die Skulptur wurde direkt auf ihren Sockel gegossen und war nie für eine Reise vorgesehen. Sie gehörte zum öffentlichen Raum und über die Jahre zum Alltag der Stadt.

Als sich die Front 2024 Pokrowsk näherte und Menschen die Stadt verließen, wurde auch der Hirsch abgebaut und in Sicherheit gebracht. Daran beteiligt waren Kadyrova, der Historiker und heutige Mitkurator Leonid Marushchak, die Organisation Museum Open for Renovation sowie Fachleute und städtische Mitarbeiter aus Pokrowsk. Eine Arbeit, die fest an einem Ort stehen sollte, musste plötzlich beweglich werden.

Genau darin liegt die Stärke des Projekts: Der Hirsch steht für die Menschen, deren vertraute Umgebung durch den Krieg verloren ging. Seine Rettung macht zugleich sichtbar, wie viel Arbeit es braucht, kulturelle Spuren einer Stadt zu bewahren.

Warum hängt der Hirsch am Kran?

In Venedig erhält die Skulptur keinen neuen Sockel. Sie bleibt in einem Zustand zwischen Ankunft und Weiterreise. Der Kran verhindert, dass sie fällt, aber er gibt ihr keinen dauerhaften Platz.

Kuratorin Ksenia Malykh verbindet diesen Schwebezustand mit der Erfahrung von Menschen, die ihr Zuhause und damit einen Teil ihres sicheren Alltags verloren haben. Die Inszenierung zeigt das durch ein präzises Bild: Der Hirsch ist gerettet, doch er ist nicht wieder zu Hause. Міністерство культури України

Das Material verstärkt diesen Eindruck. Beton ist schwer und widerstandsfähig; die Form erinnert an ein gefaltetes Blatt Papier. Was stabil erscheint, kann dennoch aus seinem Zusammenhang gerissen werden.

Was versprechen „Security Guarantees“?

Der Ausstellungstitel verweist auf das Budapester Memorandum von 1994. Im Zusammenhang mit dem Verzicht der Ukraine auf die Atomwaffen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion auf ihrem Gebiet verblieben waren, gaben unter anderem die USA, Großbritannien und Russland Zusicherungen zur Achtung ihrer Souveränität und territorialen Unversehrtheit. Der ukrainische Pavillon fragt, was solche Zusicherungen wert sind, wenn Schutz im entscheidenden Moment ausbleibt.

Im Arsenale werden Materialien zum Memorandum mit Aufnahmen der Evakuierung und der Reise des Hirsches verbunden. Die politische Frage erhält dadurch eine konkrete Form. Es geht um ein Kunstwerk aus einem Park, um die Menschen, die es in Sicherheit brachten, und um die Stadt, zu der es gehörte.

Der ukrainische Pavillon erzählt mehr als eine Rettungsgeschichte

Die Geschichte des Hirsches endet vorerst in Venedig, aber die Ausstellung macht aus seiner Ankunft keinen versöhnlichen Schluss. Die Skulptur ist erhalten geblieben. Ihr ursprünglicher Ort und die Sicherheit, in der sie dort einmal stand, lassen sich damit nicht zurückholen.

Gerade deshalb bleibt das Bild des schwebenden Hirsches im Gedächtnis. „Security Guarantees“ zeigt, dass Rettung und Sicherheit verschiedene Dinge sind. Und es fragt, wer Verantwortung trägt, wenn Menschen und ihre Kultur dauerhaft auf Schutz angewiesen sind.

ARTTRADO hat die politischen Konflikte um die Biennale bereits im Beitrag „Kunstfreiheit und Politik: Russland, Israel und der Streit mit der EU“ behandelt. Der ukrainische Pavillon gibt dieser Debatte eine eigene künstlerische Perspektive: einen Hirsch, der gehalten wird und doch keinen festen Boden unter sich hat.

Weitere Beiträge zur Biennale Venedig 2026 auf ARTTRADO

Britischer Pavillon: Lubaina Himid
Japanischer Pavillon: Ei Arakawa-Nash
Italienischer Pavillon: Chiara Camoni
Chinesischer Pavillon: „Dream Stream“
US-Pavillon: Alma Allen
Französischer Pavillon: Yto Barrada
Nordischer Pavillon: Klara Kristalova, Benjamin Orlow und Tori Wrånes
Litauischer Pavillon: Eglė Budvytytė
Vatikan-Pavillon: Patti Smith und Brian Eno
Dänischer Pavillon: Maja Malou Lyse
Deutscher Pavillon: Henrike Naumann und Sung Tieu
Österreichischer Pavillon: Florentina Holzinger
Grenada-Pavillon: Alexandra Kordas
Russischer Pavillon und die Debatte um seine Rückkehr

Weitere Informationen

Titelbild: Die Evakuierung von Zhanna Kadyrovas Skulptur The Origami Deer aus Pokrowsk. Standbild aus dem Dokumentarfilm IDP. Bild: Zhanna Kadyrova / Ukrainischer Pavillon.

Ausstellung: „Security Guarantees“ – Ukrainischer Pavillon der Biennale Venedig 2026
Künstlerin: Zhanna Kadyrova
Kuratiert von: Ksenia Malykh und Leonid Marushchak
Orte: Giardini della Biennale und Arsenale, Venedig
Laufzeit: 9. Mai bis 22. November 2026

Von uns ausgewählte Veranstaltungen finden Sie unter >>>Events<<<.

Unsere Interviews finden Sie hier: Künstlerporträts & Interviews.

Wenn Sie uns über Ihr spannendes Kunstprojekt informieren möchten, nutzen Sie unseren Kontakt.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.