Arttrado.de - Magazin und Marktplatz für junge Kunst.

Bestattungsritual und Gegenwartskunst
Sargkunst in Ghana: Wenn Erinnerung Gestalt annimmt

Kunst und der Tod: Sargkunst in Ghana: Wenn Erinnerung Gestalt annimmt - Bestattungsritual und Gegenwartskunst - Handwerkskunst zum Abschied. Kunst entdecken auf ARTTRADO - Plattform für Kunst und Kultur.

Sargkunst in Ghana: Wenn Erinnerung Gestalt annimmt Ein Sarg in Form eines Fisches, eines Flugzeugs oder eines riesigen Mobiltelefons wirkt
Weiterlesen

Fische, Flugzeuge, Autos oder Mobiltelefone: In der Bestattungskultur der Ga kann ein Sarg die Persönlichkeit, den Beruf oder den gesellschaftlichen Status eines Verstorbenen sichtbar machen. Die sogenannten Fantasy Coffins erzählen vom Leben – und haben längst ihren Weg in internationale Museen gefunden.

Sargkunst in Ghana: Wenn Erinnerung Gestalt annimmt

Ein Sarg in Form eines Fisches, eines Flugzeugs oder eines riesigen Mobiltelefons wirkt aus europäischer Perspektive zunächst ungewöhnlich. In der Bestattungskultur der Ga im Süden Ghanas können solche figürlichen Särge jedoch eine sehr persönliche Form des Abschieds sein. Sie erinnern an den Beruf eines Menschen, an seine gesellschaftliche Stellung, seine Leidenschaften oder an Symbole, die mit seiner Familie und Biografie verbunden sind.

Die farbenprächtigen Objekte sind dabei weit mehr als eine makabre Spielerei. Sie verbinden hoch spezialisiertes Schreinerhandwerk mit religiösen Vorstellungen, gesellschaftlicher Repräsentation und einer eigenen visuellen Sprache. Manche werden für eine konkrete Beerdigung hergestellt und verschwinden nach kurzer Zeit für immer unter der Erde. Andere entstehen ausdrücklich für Ausstellungen und werden in Museen als Skulpturen präsentiert.

Gerade dieser Wechsel zwischen Bestattungsobjekt, Erinnerungszeichen und Kunstwerk macht die ghanaische Sargkunst so faszinierend.

Der Sarg als letztes Porträt

International werden die Arbeiten meist als „Fantasy Coffins“ oder „Figurative Coffins“ bezeichnet. Bei den Ga ist auch der Begriff abebuu adekai gebräuchlich, der häufig mit „Sprichwortkästen“ oder „Behälter für Sprichwörter“ übersetzt wird. Schon diese Bezeichnung deutet darauf hin, dass die Formen nicht immer nur wörtlich zu verstehen sind. Sie können auf Redewendungen, soziale Rollen, Familiengeschichten oder religiöse Bedeutungen verweisen.

Ein Fischer kann in einem Fisch bestattet werden, ein Fahrer in einem Auto und ein Landwirt in einer Frucht oder einem Werkzeug, das mit seiner Arbeit verbunden war. Ein Flugzeug kann für eine Tätigkeit in der Luftfahrt, für Reisen oder für einen nicht erfüllten Lebenstraum stehen. Tiere können persönliche Eigenschaften verkörpern, zugleich aber auch auf Familienzeichen, gesellschaftlichen Rang oder traditionelle Autorität verweisen.

Nicht jedes Motiv ist deshalb frei austauschbar. Bestimmte Tiere und Symbole können an einen Clan oder eine besondere gesellschaftliche Stellung gebunden sein. Die Form eines Sarges entsteht idealerweise aus der Biografie und dem sozialen Umfeld des Verstorbenen – nicht allein aus einer möglichst spektakulären Idee.

Der Sarg wird damit zu einer Art letztem Porträt. Er zeigt nicht das Gesicht eines Menschen, sondern verdichtet sein Leben in einer dreidimensionalen Form. Darin liegt die besondere Kraft dieser Kunst: Ein einziges Objekt kann Beruf, Erinnerung, Selbstbild und gesellschaftliche Anerkennung miteinander verbinden.

Eine Tradition mit älteren Wurzeln

Die Geschichte der figürlichen Särge beginnt nicht erst mit den heute bekannten Werkstätten rund um Accra. Wichtige Vorläufer waren figürliche Sänften, in denen Ga-Häuptlinge bei Zeremonien und Festen getragen wurden. Diese Sänften konnten etwa die Form eines Tieres, eines Bootes oder eines anderen mit der jeweiligen Familie verbundenen Symbols annehmen.

Die Ethnologin Regula Tschumi hat darauf hingewiesen, dass figürliche Särge zunächst als Nachbildungen solcher Sänften entstanden sein könnten. Die Sänfte selbst gehörte zu den Insignien eines Würdenträgers und wurde nicht zwingend mit ihm begraben. Für die Bestattung konnte deshalb ein ähnlich gestalteter Sarg angefertigt werden. Später übernahmen auch christliche und nicht königliche Ga die Idee, verwendeten jedoch häufiger Formen, die sich auf Berufe und persönliche Lebensgeschichten bezogen. (Regula Tschumi)

Ab den 1950er- und 1960er-Jahren verbreiteten sich diese Särge stärker innerhalb der lokalen Bestattungskultur. Damit begann jene Entwicklung, aus der die heute international bekannten Werkstätten hervorgingen.

Hat Kane Kwei die Fantasy Coffins erfunden?

Die bekannteste Ursprungsgeschichte konzentriert sich auf den Schreiner Kane Kwei aus Teshie bei Accra. Häufig wird erzählt, er habe in den 1950er-Jahren zunächst eine figürliche Sänfte für einen lokalen Würdenträger und später einen flugzeugförmigen Sarg für seine Großmutter angefertigt. Sie habe vom Fliegen geträumt, ohne jemals in einem Flugzeug gesessen zu haben.

Diese Geschichte wurde oft als Geburtsstunde der modernen Fantasy Coffins wiederholt. Ganz so eindeutig ist die historische Lage allerdings nicht. Neuere Forschungen stellen infrage, ob eine jahrhundertealte beziehungsweise bereits im frühen 20. Jahrhundert erkennbare Entwicklung tatsächlich auf die Erfindung eines einzelnen Schreiners reduziert werden kann.

Neben Kane Kwei arbeitete auch Ataa Oko in La an figürlichen Särgen. Nach Angaben der Collection de l’Art Brut fertigte er bereits um 1945 erste entsprechende Arbeiten an. Weitere Schreiner könnten zur selben Zeit ähnliche Formen entwickelt haben. (Collection de l’Art Brut)

Kane Kwei bleibt dennoch eine Schlüsselfigur. Seine Werkstatt in Teshie popularisierte die figürlichen Särge, bildete zahlreiche Schreiner aus und wurde später zu einem zentralen Bezugspunkt für den internationalen Kunstbetrieb. Treffender als die Bezeichnung „Erfinder“ ist deshalb die Rolle eines wichtigen Pioniers und Vermittlers.

Ataa Oko: Der lange übersehene Pionier

Ataa Oko gehört zu den bedeutenden frühen Gestaltern figürlicher Särge, blieb außerhalb Ghanas jedoch lange weitgehend unbekannt. Der um 1919 geborene Schreiner aus der Küstenstadt La soll bereits Mitte der 1940er-Jahre entsprechende Särge gefertigt haben. Anders als Kane Kwei wurde er zunächst kaum in internationale Ausstellungen oder kunsthistorische Erzählungen einbezogen.

Erst im hohen Alter rückte sein Werk stärker in den Blick. In Zusammenarbeit mit Regula Tschumi begann Ataa Oko, frühere Särge, Sänften, religiöse Figuren und Erinnerungen aus seinem Leben zu zeichnen. Diese Blätter entwickelten sich zu einem eigenständigen künstlerischen Werk und wurden später unter anderem in der Collection de l’Art Brut in Lausanne gezeigt.

Ataa Okos Geschichte macht deutlich, wie stark die internationale Wahrnehmung einer Kunstform davon abhängt, welche Künstler von Kuratoren, Forschern, Galerien und Museen sichtbar gemacht werden. Der weltweite Ruhm Kane Kweis bedeutete nicht zwangsläufig, dass er der einzige oder erste Gestalter figürlicher Särge war.

Kane Kwei und der Weg in den internationalen Kunstbetrieb

Die Werkstatt Kane Kweis wurde zu einem wichtigen Ausbildungsort für nachfolgende Generationen. Dort verband sich traditionelles Schreinerhandwerk mit einer stetig wachsenden Vielfalt an Motiven aus Beruf, Alltag, Konsum und moderner Technik.

Einen entscheidenden Moment für die internationale Wahrnehmung markierte 1989 die Pariser Ausstellung „Magiciens de la Terre“. Dort wurden figürliche Särge aus Ghana einem großen westlichen Kunstpublikum präsentiert. Die Objekte erschienen nun nicht mehr ausschließlich als Bestandteile einer Bestattungskultur, sondern als Werke zeitgenössischer Kunst.

Diese Anerkennung brachte neue Aufmerksamkeit, Aufträge und Sammler. Sie veränderte jedoch auch den Blick auf die Arbeiten. Ein Objekt, das in Ghana für eine konkrete Beerdigung geschaffen und anschließend begraben wurde, konnte in Paris, London oder New York als Skulptur ausgestellt werden. Aus einem rituellen Gebrauchsgegenstand wurde ein dauerhaft bewahrtes Museumsobjekt.

Paa Joe: Vom Werkstattschüler zum internationalen Künstler

Der 1947 geborene Paa Joe, mit bürgerlichem Namen Joseph Tetteh-Ashong, gehört heute zu den bekanntesten Vertretern der ghanaischen Sargkunst. Von 1962 bis 1974 erlernte er das Schreinerhandwerk in Kane Kweis Werkstatt in Teshie. 1976 eröffnete er eine eigene Werkstatt in Nungua und bildete später selbst zahlreiche jüngere Künstler aus. (Regula Tschumi)

Paa Joe entwickelte die Tradition weiter und machte sie international sichtbar. Seine Arbeiten wurden in Museen und Galerien in Europa, Nordamerika und Asien gezeigt. Dabei blieb er nicht auf Särge für konkrete Bestattungen beschränkt. Für Ausstellungen entstanden Skulpturen, Miniaturen und Werkgruppen, die sich mit historischen und politischen Themen beschäftigten.

Besonders bekannt wurde seine Serie „Gates of No Return“. Dafür rekonstruierte Paa Joe Küstenfestungen, die mit dem transatlantischen Sklavenhandel verbunden waren, als monumentale hölzerne Objekte. Diese Arbeiten erweitern seine Praxis über die Darstellung einzelner Biografien hinaus und verbinden Architektur, Erinnerung und Kolonialgeschichte.

Paa Joe wird deshalb heute sowohl als Schreiner und Meisterhandwerker als auch als zeitgenössischer Künstler wahrgenommen. Das High Museum of Art bezeichnet ihn als den bekanntesten figürlichen Sargmacher seiner Generation. (High Museum of Art)

Ein Gitarrensarg im Metropolitan Museum of Art

Wie weit diese Anerkennung reicht, zeigt das 2025 entstandene Werk „For a Musician“. Paa Joe gestaltete einen rund 3,70 Meter langen Sarg in Form einer akustischen Gitarre. Das Werk besteht aus Emele-Holz, Stoff und farbiger Fassung und verbindet die Form eines Musikinstruments mit der Funktion eines Behältnisses für den menschlichen Körper.

Das Metropolitan Museum of Art in New York präsentiert „For a Musician“ in der Ausstellung „Musical Bodies“ und klassifiziert das Objekt als Skulptur. Anders als teilweise berichtet, gehört der Gitarrensarg jedoch nicht zur Sammlung des Met, sondern wird dem Museum von Superhouse in New York als Leihgabe zur Verfügung gestellt. (Metropolitan Museum of Art)

Trotzdem ist seine Präsentation bemerkenswert. Ein Objekt, dessen Form aus einer ghanaischen Bestattungstradition hervorgegangen ist, steht in einem der bedeutendsten Kunstmuseen der Welt neben historischen Musikinstrumenten und zeitgenössischen Kunstwerken. Sein kultureller Kontext verschwindet dabei nicht, wird aber um neue kunsthistorische Lesarten ergänzt.

Ein Nokia-Sarg sagt „Hello“

Wie flexibel die Formensprache der Fantasy Coffins ist, zeigt ein Werk von Samuel Narh Nartey. Der ghanaische Künstler schuf 2007 einen Sarg in Form eines überdimensionalen Nokia-Mobiltelefons. Auf dem Display ist das Wort „Hello“ zu lesen.

Das Objekt befindet sich heute in der Sammlung des Smithsonian National Museum of African Art. Es wurde ausdrücklich für eine Ausstellung hergestellt und nie für eine tatsächliche Bestattung verwendet. (Smithsonian)

Gerade dieser Unterschied ist wichtig. Der Mobiltelefonsarg übernimmt Form und Symbolsprache eines Bestattungsobjekts, besitzt aber keine konkrete verstorbene Person als Adressaten. Er war von Anfang an dafür bestimmt, dauerhaft betrachtet und gesammelt zu werden.

Zugleich zeigt das Motiv, dass die Tradition nicht auf Tiere, Pflanzen oder vermeintlich „ursprüngliche“ Symbole beschränkt ist. Mobiltelefone, Turnschuhe, Kameras, Autos und Getränkeflaschen gehören ebenso zur visuellen Gegenwart wie Fische, Früchte oder Werkzeuge. Die Sargkunst reagiert damit unmittelbar auf gesellschaftliche und technische Veränderungen.

Zwischen Ahnen, Christentum und gesellschaftlichem Status

Die Bedeutung der figürlichen Särge lässt sich nicht von der Bestattungskultur der Ga trennen. Vorstellungen von den Ahnen und von einer fortbestehenden Beziehung zwischen Lebenden und Verstorbenen spielen ebenso eine Rolle wie christliche Überzeugungen. Beide Bereiche stehen nicht immer in einem klaren Gegensatz, sondern können sich innerhalb von Familien und Zeremonien miteinander verbinden.

Bestattungen sind zugleich gesellschaftliche Ereignisse. Die Gestaltung eines Sarges kann zeigen, welchen Rang ein Mensch besaß, welcher Familie er angehörte und wie die Hinterbliebenen an ihn erinnern möchten. Der Sarg repräsentiert deshalb nicht nur den Verstorbenen, sondern in gewisser Weise auch die Familie, die ihn in Auftrag gibt.

Aus europäischer Perspektive wirken manche Formen humorvoll, grotesk oder extravagant. Eine solche Wahrnehmung sagt jedoch viel über den westlichen Umgang mit Tod und Trauer aus. Während Särge hier häufig möglichst zurückhaltend gestaltet werden, kann ein figürlicher Sarg das gelebte Leben bewusst sichtbar machen.

Der Tod wird dadurch nicht verharmlost. Vielmehr wird der Verstorbene ein letztes Mal als Teil seiner Familie, seines Berufs und seiner sozialen Welt dargestellt.

Wann wird ein Sarg zum Kunstwerk?

Ein figürlicher Sarg kann für eine konkrete Beerdigung angefertigt werden und damit zunächst ein Gebrauchsgegenstand innerhalb eines sozialen und religiösen Rituals sein. Ein äußerlich ähnliches Objekt kann jedoch von Anfang an für eine Ausstellung entstehen, in einer Galerie verkauft oder von einem Museum gesammelt werden.

Der Unterschied liegt nicht allein in der Form, sondern im Zweck und im Kontext. Ein für die Beerdigung bestimmter Sarg wird häufig innerhalb kurzer Zeit hergestellt, bei der Trauerfeier gezeigt und anschließend begraben. Ein Museumsstück muss dagegen dauerhaft erhalten, transportiert und unter anderen klimatischen Bedingungen ausgestellt werden können.

Das Museum für Sepulkralkultur in Kassel besitzt seit 2018 eine Sammlung von 28 figürlichen Särgen aus der Werkstatt Paa Joes. Die als „Sammlung Hermann Krause“ übergebenen Arbeiten zeigen unter anderem Fahrzeuge, Tiere, Lebensmittel und Alltagsgegenstände. Sie wurden nicht begraben, sondern als Zeugnisse einer besonderen Bestattungs- und Gestaltungskultur gesammelt. (Museum für Sepulkralkultur)

Mit dem Eintritt ins Museum verändert sich die Wahrnehmung. Der Sarg wird zur Skulptur, das Schreinerhandwerk zur künstlerischen Autorschaft und ein kulturell gebundenes Objekt zum Bestandteil einer internationalen Kunstgeschichte. Seine ursprüngliche Bedeutung verschwindet nicht, doch sie wird von neuen Kategorien überlagert.

Zwischen Anerkennung und Exotisierung

Die internationale Aufmerksamkeit hat dazu beigetragen, dass Künstler wie Kane Kwei, Ataa Oko und Paa Joe sichtbar wurden. Gleichzeitig besteht die Gefahr, die Arbeiten auf ihre spektakuläre Erscheinung zu reduzieren. Begriffe wie „Fantasy Coffins“ erzeugen Neugier, können aber den religiösen, sozialen und sprachlichen Zusammenhang der Objekte in den Hintergrund drängen.

Wer lediglich einen „verrückten Sarg aus Afrika“ sieht, verfehlt den Kern der Tradition. Die Formen sind keine beliebigen Kuriositäten, sondern können präzise Aussagen über Biografie, Status und Erinnerung enthalten. Auch ihre Herstellung ist kein anonymes Volkskunsthandwerk, sondern das Ergebnis spezialisierter Werkstätten mit eigenen künstlerischen Handschriften und Ausbildungslinien.

Die museale Anerkennung ist deshalb ambivalent. Sie schützt und dokumentiert Werke, die sonst möglicherweise begraben worden wären. Zugleich löst sie die Objekte aus ihrer ursprünglichen Funktion und ordnet sie nach westlichen Kategorien wie Kunst, Design, Handwerk oder Ethnografie.

Gerade diese Spannung macht eine differenzierte Betrachtung notwendig.

Eine lebendige Kunstform

Die Geschichte der ghanaischen Sargkunst ist keineswegs abgeschlossen. Die Kane-Kwei-Werkstatt wird von nachfolgenden Generationen weitergeführt, während aus dem Umfeld Paa Joes zahlreiche eigenständige Künstler hervorgegangen sind. Zu ihnen gehören unter anderem Daniel Mensah, Kudjoe Affutu und Mitglieder der Familie Tetteh-Ashong.

Neue Aufträge reagieren auf veränderte Berufe, Konsumgüter und Lebensstile. Ein Smartphone, ein Sportschuh oder ein modernes Fahrzeug kann heute ebenso zum Motiv werden wie ein Fisch, eine Kakaofrucht oder eine traditionelle Familienfigur. Die visuelle Sprache bleibt beweglich, weil sich auch die Gesellschaft verändert, aus der sie hervorgeht.

Die Fantasy Coffins sind deshalb keine Relikte einer abgeschlossenen Vergangenheit. Sie gehören zugleich zur Bestattungskultur der Gegenwart, zum internationalen Kunstmarkt und zur zeitgenössischen afrikanischen Kunst.

Die wichtigsten Namen der ghanaischen Sargkunst

Ataa Oko gehört zu den frühesten dokumentierten Gestaltern figürlicher Särge. Er fertigte entsprechende Arbeiten möglicherweise bereits in den 1940er-Jahren und wurde später auch durch seine Zeichnungen international bekannt.

Kane Kwei machte die Sargkunst durch seine Werkstatt in Teshie weithin bekannt. Er gilt als wichtiger Pionier und Ausbilder, auch wenn die alleinige Zuschreibung ihrer Erfindung heute als umstritten gilt.

Paa Joe wurde in Kane Kweis Werkstatt ausgebildet und entwickelte sich zum international bekanntesten Sargkünstler seiner Generation. Seine Arbeiten verbinden Bestattungstradition, Skulptur und historische Erinnerung.

Samuel Narh Nartey schuf 2007 den bekannten Nokia-Sarg des Smithsonian. Das Werk zeigt, wie selbstverständlich moderne Technik in die Formensprache der Sargkunst aufgenommen werden kann.

Eric Adjetey Anang, Daniel Mensah, Kudjoe Affutu und die Familie Tetteh-Ashong stehen für die Fortführung und Weiterentwicklung der Tradition in jüngeren Generationen.

Der letzte Auftritt

Vielleicht liegt die Faszination der ghanaischen Sargkunst darin, dass sie zwei Dinge miteinander verbindet, die im westlichen Denken häufig getrennt werden: das Ende eines Lebens und die sichtbare Erinnerung an das Leben davor.

Ein Fisch kann von einem Fischer erzählen, ein Flugzeug von Reisen oder unerfüllten Träumen und eine Gitarre von einem Leben mit Musik. Ein Mobiltelefon verweist auf eine moderne Lebenswelt, während ein Tier zugleich persönliche Eigenschaften, Familiengeschichte oder gesellschaftlichen Rang verkörpern kann.

Hinter jeder dieser Formen steht dieselbe Frage: Was soll von einem Menschen in Erinnerung bleiben?

Die Antwort kann ein außergewöhnliches Objekt aus Holz sein, das nur für wenige Stunden öffentlich sichtbar ist und anschließend unter der Erde verschwindet. Sie kann aber auch eine Skulptur sein, die eigens für ein Museum geschaffen wurde und dauerhaft erhalten bleibt.

In beiden Fällen erzählen die figürlichen Särge nicht nur vom Tod. Sie erzählen vor allem vom Leben, das ihm vorausging. Vielleicht sind sie deshalb weniger ein letztes Bild des Todes als das letzte Porträt eines Menschen.

Weitere Informationen

Titelbild: David Stanley aus Nanaimo, Kanada, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons

Von uns ausgewählte Veranstaltungen finden Sie unter >>>Events<<<

Besondere Kunstwerke finden Sie auch bei uns im Shop!

Unsere Interviews finden Sie hier: Interview| Arttrado.de

Wenn Sie uns über ihr spannendes Kunstprojekt informieren wollen, nutzen Sie unseren Kontakt.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.